Skip to main content
/ 05.11.2015
Lou Bohlen

Politik der Erinnerung. Die umstrittene Erinnerungskultur russischsprachiger Migranten in Israel 1989-2000

Göttingen: Wallstein Verlag 2014; 366 S.; geb., 39,90 €; ISBN 978-3-8353-1291-3
Diss. Bochum; Begutachtung: L. Hölscher, M. Zuckermann. – Lou Bohlen geht in ihrer Arbeit, die ein Beitrag zur Migrationsforschung jenseits konventioneller politikwissenschaftlicher oder soziologischer Herangehensweisen sein will, der Frage nach, „wie sich Inhalte und Formen einer spezifischen Geschichts‑ und Erinnerungskultur einer Zuwanderergruppe verändern, wenn sie mit den erinnerungskulturellen Anforderungen des Aufnahmelandes und seiner Ge‑ und Verbote konfrontiert werden“ (10). Mit Blick auf das Einwanderungsland Israel geht es konkret um die letzte große Einwanderungswelle aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion vom Beginn der 1990er‑ bis zum Ende der 2000er‑Jahre. Die nach Israel immigrierenden russischen Juden kamen in ein Land, das sich grundsätzlich durch eine starke kulturelle Heterogenität auszeichnet, dessen nationale Identität gleichsam jedoch auch auf dem Erinnern des Holocausts beruht. Die hiermit konfrontierte, nicht minder stark normativ aufgeladene (post‑)sowjetische Erinnerungskultur der Immigranten, die, so Bohlen, als „Fremde“, gar als „Bedrohung“ (15) wahrgenommen wurden, reagierte, indem sie eigene historische Bezugspunkte entwickelte, um ihre Zugehörigkeit zu Israel zu plausibilisieren. Rekonstruieren lassen sich solche „Narrative der Geschichte des Eigenen“ (20) anhand von systematisierten Interviews sowie durch Auswertung der beiden größten russischsprachigen Tageszeitungen in Israel, die zusammen auf eine tägliche Auflage von ca. 71.000 Exemplaren kommen. Die hier in ihrer Entwicklung rekonstruierte „diskursive Kampfzone“ (323) lässt eine Differenzierung in drei Reaktionsmuster zu: Neben der Verweigerung und Abgrenzung gegenüber einer kompletten Übernahme der israelischen Kultur sind dies die offensive Etablierung eigener kultureller Elemente sowie die Amalgamierung der (post‑)sowjetischen und israelischen Erinnerungskultur. Da eine bruchlose Integration in die israelische Erinnerungskultur nicht möglich war, avancierte für die stattdessen praktizierte Strategie einer aktiven Aushandlung von Zugehörigkeits‑ und Identitätsmustern die Diskussion über den Tag des Sieges der Roten Armee über Hitlerdeutschland zu einem paradigmatischen Beispiel. Indem die russischstämmigen Juden auf seiner offiziellen Anerkennung beharrten, so Bohlen, habe der Tag der Shoah nicht nur eine „Vorgeschichte bekommen“, sondern auch eine „relevante Bedeutungsverschiebung erfahren“ (334).
{LEM}
Rubrizierung: 2.632.232.62 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Lou Bohlen: Politik der Erinnerung. Göttingen: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/39037-politik-der-erinnerung_45086, veröffentlicht am 05.11.2015. Buch-Nr.: 45086 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA