/ 20.02.2014
Katja Mielke / Conrad Schetter
Pakistan. Land der Extreme. Geschichte – Politik – Kultur
München: C. H. Beck 2013 (beck'sche reihe 6116); 256 S.; 14,95 €; ISBN 978-3-406-65295-0Katja Mielke und Conrad Schetter legen mit dieser Einführung in die komplexen Dynamiken der pakistanischen Gesellschaft, Kultur und Politik ein erfreuliches Lesebuch vor. Der Band ist verständlich geschrieben, sodass auch jemand, der Pakistan nur als Vexierbild des Schreckens aus den Nachrichten kennt, schnell versteht, welche Brüche und Widersprüche das Land in sich trägt (und gleichzeitig, welche Projektionen es auf sich zieht). Gleichzeitig aber unterhält und informiert er auch diejenigen, die schon ein bis zwei Bücher über das Land gelesen haben. Neben einem gesellschaftlichen und historischen Überblick, der die für die heutige Situation relevanten Merkmale darlegt, ist der umfangreichere Teil der Politik gewidmet. Die Autoren zeigen die spannungsreiche Konstellation eines überentwickelten Staates mit beschränkter sozialer Verflechtung mit der Bevölkerung. Die internationale Situation – auch angesichts der kaum als deeskalierend anzusehenden Nachbarn Afghanistan und Indien – hat zudem eine Herrschaftskonsolidierung nicht immer begünstigt. Hinzu kommt der interne Konflikt um den Zugriff auf den Staat, der durch ein fragmentiertes Herrschaftssystem – von Provinz zu Provinz zum Teil in bizarrer Weise unterschiedlich – einen institutionellen Überbau bekommt. Die vielen Schichten des Konfliktes innerhalb und außerhalb des Staates erlauben keine einfache Analyse. Mielke und Schetter gelingt es jedoch in beeindruckender Weise, die wesentlichen von den unwesentlichen Schauplätzen zu trennen: „Wenngleich die militant‑islamistische Dimension eine wesentliche Rolle spielt, müssen die seit 2001 aufgebrochenen Konflikte gerade in der Überlappung [von] Konfliktlinien gesehen werden. Eine wesentliche Rolle spielt der nationale Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan. Die Bemühungen der Regierung Obama, eine regionale Lösung zu finden, stehen vor dem Problem, dass Afghanistan die Anerkennung der Durand Linie verweigert. Auch die Tatsache, dass der ISI [pakistanischer Geheimdienst] jahrelang die Taliban unterstützte, muss vor dem Hintergrund des pakistanischen Primats der ‚strategischen Tiefe‘ betrachtet werden.[…] So blieb es Pakistan verwehrt, seine eigenen Sicherheitsbedürfnisse bei der Neuordnung Afghanistans einzubringen“ (219). Angesichts einer solchen Diagnose zeigt sich, dass die Übernahme des Staates durch Islamisten einschließlich der Aneignung von Nuklearwaffen durch Terroristen wohl nicht unmittelbar bevorsteht. Mielke und Schetter sehen stattdessen eher einen langfristigen, sicher nicht zu überraschenden „Erfolgen“ in Sachen Extremismus oder Entwicklung führenden Prozess, dem trotz phasenweiser Stagnation oder Rückschritten keineswegs ein Scheitern und Abdriften ins Chaos vorbestimmt ist.
Florian Peter Kühn (KÜ)
Dr., M. P. S., wiss. Mitarbeiter, Institut für Internationale Politik, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
Rubrizierung: 2.68 | 2.23 | 2.27 | 2.22 | 2.21 | 4.22 | 2.2
Empfohlene Zitierweise: Florian Peter Kühn, Rezension zu: Katja Mielke / Conrad Schetter: Pakistan. München: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36753-pakistan_44623, veröffentlicht am 20.02.2014.
Buch-Nr.: 44623
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Dr., M. P. S., wiss. Mitarbeiter, Institut für Internationale Politik, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
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