/ 20.06.2013
Matthias Geyer / Dirk Kurbjuweit / Cordt Schnibben
Operation Rot-Grün. Geschichte eines politischen Abenteuers
München: Deutsche Verlags-Anstalt 2005; 335 S.; brosch., 17,90 €; ISBN 3-421-05782-6Die Bausoldaten waren in der DDR „die einzige mit einem legalen Status definierte oppositionelle Gruppierung“ (154), schreibt Widera. In diese Rolle seien sie allerdings erst vom SED-Regime gedrängt worden, das die eigentlich individuelle Ablehnung der Wehrpflicht aus zumeist religiösen Gründen als ideologische und damit zu bekämpfende Abweichung begriff. Die Wehrpflicht, die für viele junge Männer ein Grund für die Flucht in den Westen gewesen sei, wurde unmittelbar nach dem Mauerbau gesetzlich festgeschrieben, Ausnahmen waren nicht vorgesehen. Vor dem Hintergrund der deutschen Vergangenheit und angesichts der Systemkonkurrenz zum Westen beschloss das Regime allerdings 1964 das Bausoldatengesetz, das zwar keinen zivilen Dienst vorsah, aber einen waffenlosen, integriert in die NVA. Die Bausoldaten, die achtzehn Monate eng zusammenleben mussten, seien damit geradezu „zur Klärung ihrer politischen Position und zu solidarischem Verhalten“ (167) veranlasst worden, so Widera. Die ersten Bausoldaten hätten 1966 mit der Bildung eines Arbeitskreises den Grundstein der künftigen gewaltfreien Friedensbewegung gelegt. Neben diesem Überblick über die Politisierung der Bausoldaten und die Anfänge der Friedensbewegung der DDR bietet dieser Sammelband weitere Beiträge u. a. zu den schwachen Reaktionen der Evangelischen Kirchen auf das Bausoldatengesetz und zur Wehrerziehung in den Schulen, die zwar zähneknirschend von Eltern und Kirche letztlich hingenommen worden sei, dennoch aber zur Delegitimierung des Regimes beigetragen habe. Insgesamt zeigt sich, dass zwar nur wenige Menschen bereit waren, für ihre eigene Meinung einzutreten und damit auch Nachteile in Bildung und Beruf hinzunehmen. Die Qualität des Protestes sei dennoch nicht zu unterschätzen, meint Widera, weil sich damit dem Allmachtsanspruch der SED widersetzt wurde. Auf dieser Basis der individuellen Verweigerung habe 1978 und 1981 der Übergang zu einer um sich greifenden politischen Protestbewegung stattgefunden. Aus dem Inhalt: Peter Schicketanz: Die Reaktionen der Evangelischen Kirchen auf die Anordnung über die Aufstellung von Baueinheiten 1964-1966 (13-41), Christian Sachse: Nach dem Krieg ist vor dem Sieg. Wehrerziehung in der DDR von 1952 bis 1978 (43-71), Matthias Kluge: „Bausoldat ist man lebenslänglich“. Hansjörg Weigel und das Friedensseminar in Königswalde (73-113), Stephan Wolf: Bausoldaten im Visier der Staatssicherheit: „Alle organisatorischen Maßnahmen der NVA sind geeignet, für unsere Arbeit genutzt zu werden“ (115-149), Thomas Widera: Bausoldaten in der DDR an der Wende von gesellschaftlicher Verweigerung zum politischen Protest (151-216)
Kaspar Nürnberg (KN)
M. A., Historiker, Geschäftsführer des Vereins Aktives Museum, Berlin.
Rubrizierung: 2.3 | 2.32 | 2.331 | 2.332 | 2.342 | 4.21
Empfohlene Zitierweise: Kaspar Nürnberg, Rezension zu: Matthias Geyer / Dirk Kurbjuweit / Cordt Schnibben: Operation Rot-Grün. München: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/23644-operation-rot-gruen_27154, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 27154
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M. A., Historiker, Geschäftsführer des Vereins Aktives Museum, Berlin.
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