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/ 22.06.2013
Thorsten Gromes (Hrsg.)

Ohne Staat und Nation ist keine Demokratie zu machen. Bosnien und Herzegowina, Kosovo und Makedonien nach den Bürgerkriegen

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2012 (Studien der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung 17); 256 S.; 44,- €; ISBN 978-3-8329-7330-8
Anders als Fukuyama und ähnlich argumentierende Wissenschaftler prophezeiten, wurde Anfang der 1990er-Jahre nicht das Ende der Geschichte eingeläutet. Der euphorische Glaube an eine potenziell überall mögliche Friedenssicherung durch Demokratisierung ist verflogen. Die politische Praxis zeigt, dass nicht in allen Ländern demokratische Strukturen (durch externe Hilfe) aufgebaut werden können und auch die Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen sich nicht immer befrieden lassen. Besonders in ethnisch gespaltenen Nachbürgerkriegsgesellschaften können sich, so die Annahme des Autors, demokratische Regeln nur „mit geringerer Wahrscheinlichkeit Geltung verschaffen als in vollständig demokratischen Staaten“ (23). Mit Blick auf die Lage in den Balkanstaaten sieht Gromes Demokratisierung zwar nicht als unmöglich an, allerdings sei sie an bestimmte Voraussetzungen gekoppelt: erstens müssen staatliche Institutionen vorhanden sein, in denen alle Konfliktparteien vertreten sind und miteinander kooperieren (Staatsbildung); zweitens müssen sowohl der Staat als auch alle in ihm lebenden Konfliktparteien als Staatsvolk anerkannt werden (Nationsbildung). Wie Gromes in Kapitel II herausarbeitet, drohen sich diese beiden Voraussetzungen gegenseitig zu blockieren und eine Demokratisierung unmöglich zu machen. Ausgehend von dieser theoretischen Grundlage untersucht der Autor in Längsschnittstudien die ethnisch gespaltenen Nachkriegsgesellschaften Bosnien und Herzegowina, Makedonien und Kosovo. Ihnen gemeinsam ist, dass ihnen hohe externe Anreize (EU-Beitritt) geboten werden und sie gute interne sowie externe Demokratisierungsvoraussetzungen aufweisen (Bevölkerungsumfragen belegen Zustimmung zur Demokratie; sich demokratisierende Nachbarstaaten). „Scheitert die Demokratisierung selbst hier, dürfte es um diese Friedensstrategie anderswo erst recht schlecht bestellt sein.“ (28) Die bis 2010 reichenden Fallanalysen belegen, dass selbst bei anfangs unzureichender Staats- und Nationsbildung demokratisierende Fortschritte möglich sind und ein Scheitern trotz nur unzureichend vorhandener Voraussetzungen nicht zwingend ist. Allerdings bleiben die Erfolge selbst bei guten Ausgangsbedingungen begrenzt: Die Fallbeispiele zeigen, dass Demokratisierungsversuche externer Mächte kaum Akzeptanz erlangen. Vielmehr sind es innere Faktoren, die Fortschritte erzielen und den Autor – vor allem auch mit Blick auf die ansonsten verbleibenden Alternativen – für die Friedensstrategie Demokratisierung plädieren lassen.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.22.614.41 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Thorsten Gromes (Hrsg.): Ohne Staat und Nation ist keine Demokratie zu machen. Baden-Baden: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35162-ohne-staat-und-nation-ist-keine-demokratie-zu-machen_42334, veröffentlicht am 09.08.2012. Buch-Nr.: 42334 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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