/ 22.06.2013
Stefan Malthaner
Mobilizing the Faithful. Militant Islamist Groups and their Constituencies
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2011 (Mikropolitik der Gewalt 4); 273 S.; 32,90 €; ISBN 978-3-593-39412-1Diss. Augsburg; Gutachter: P. Waldmann. – Es wäre, zehn Jahre nach den Anschlägen des 11. September 2001, längst an der Zeit, dass mehr Untersuchungen wie die von Stefan Malthaner Licht in die sozialen Mechanismen islamistischer Gewalt bringen würden. Der Diskurs dafür ist da, aber das Wissen, ihn sinnvoll zu führen, fehlte bislang häufig. Malthaner stellt die Annahme infrage, religiös-extremistische Gewalt resultiere aus Eiferertum und sei damit generisch, also ohne Einbettung in einen sozialen Kontext zu verstehen. Stattdessen untersucht er die Interaktion mit dem Publikum, also der eigenen Gruppe und damit potenziellen Unterstützern. Er arbeitet die Evolution dieser Beziehungen und – vor allem – ihrer wechselseitigen Einflüsse heraus. Dazu kombiniert er heuristisch die Ergebnisse vorhandener Literatur, von Datenbanken über Gewaltgeschehnisse sowie eigener Forschungen. So kann er Graubereiche der Ideologie und die politische Manövrierfähigkeit dieser Gruppen beschreiben. Deren gewissermaßen im Kern übereinstimmende Vorstellung ist eine defensive, die ihre jeweilige Kernklientel gegen Fremdherrschaft und Unterdrückung verteidigen, diese aber auch auf den rechten Weg des Glaubens zurückführen und eine spirituelle Erneuerung anführen will. Dafür müssen sie einerseits die politischen Ziele einer breiteren Bevölkerung teilen, wahrnehmen und darauf reagieren; andererseits empfinden sie sich als Avantgarde einer neueren, besseren Zeit: „Transforming society in the name of a higher truth and morality, thereby, entailed an element of ambivalence in the way they referred to their constituencies; the militants saw themselves as elevated and distinct from society, and to some extent challenged its traditions, values, and way of life“ (234). Daraus folgen jedoch bisweilen fundamental distinkte Strategien: Von den drei untersuchten Gruppen schlug Al-Jihad eine Untergrundstrategie ein, während Jamaa al-Islamiyya durch starkes gesellschaftliches Engagement den Kern einer muslimischen Massenbewegung schaffen wollte; die Hizbullah hingegen strebte den Aufbau einer starken Parteiorganisation an, deren Verbindungen mit der Bevölkerung durch die Übernahme gleichsam staatlicher Aufgaben befördert wurden. Allen ist gemeinsam, dass der erneuernde und der bewahrende Anteil ihrer Politik jeweils angepasst werden können, um auf gesellschaftliche und äußere Einflüsse zu reagieren. Sie sind also sehr überlebensfähig, solange sie die Wechselbeziehungen mit der Unterstützergruppe berücksichtigen – gleichzeitig werden sie durch diese beeinflusst und transformiert. Malthaner leistet mit der relationalen Analyse der Beziehungsdynamiken zwischen Gewaltgruppen und ihren Unterstützern einen wesentlichen Beitrag zur Konfliktforschung im Hinblick auf islamistische Bewegungen.
Florian Peter Kühn (KÜ)
Dr., M. P. S., wiss. Mitarbeiter, Institut für Internationale Politik, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
Rubrizierung: 2.63 | 2.25 | 4.41
Empfohlene Zitierweise: Florian Peter Kühn, Rezension zu: Stefan Malthaner: Mobilizing the Faithful. Frankfurt a. M./New York: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34053-mobilizing-the-faithful_40818, veröffentlicht am 15.09.2011.
Buch-Nr.: 40818
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Dr., M. P. S., wiss. Mitarbeiter, Institut für Internationale Politik, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
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