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/ 03.06.2013
Lothar Brock (Hrsg.)

Menschenrechte und Entwicklung. Beiträge zum ökumenischen und internationalen Dialog. Mit Leitlinien der Kammer der EKD für kirchlichen Entwicklungsdienst

Frankfurt a. M.: GEP Buch 1996; 273 S.; 26,- DM; ISBN 3-921766-83-4
Nahezu alle Konfliktpunkte der politischen und wissenschaftlichen Debatte der letzten Jahre - von der Universalität und Gleichwertigkeit der Menschenrechte über ihren Stellenwert im interreligiösen Diskurs bis hin zum Recht auf Entwicklung - werden in den insgesamt 21 Beiträgen des Sammelbandes diskutiert. Dabei fällt in der Gesamtschau auf, daß einerseits die Universalität von Menschenrechten etwa mit Verweis auf kulturwissenschaftliche Erkenntnisse problematisiert wird, andererseits zahlreiche Autoren ein sehr expansives Menschenrechtsverständnis propagieren. So plädiert Manfred Nowak - basierend auf einer scharfen Kritik am restriktiven, allein auf die bürgerlich-politischen Rechte orientierten Menschenrechtsverständnis des Nordens - nachdrücklich für die Akzeptanz des Rechts auf Entwicklung. Ines Holthaus geht noch weiter, wenn sie den Menschenrechtsbegriff auch auf familiäre und häusliche Gewalt gegen Frauen ausdehnt. So verständlich die jeweiligen Anliegen sind, so sehr birgt diese Expansion des Menschenrechtsbegriffs die vom Herausgeber angesprochene Gefahr, "sämtliche Sozialbeziehungen in Form von Rechtsansprüchen umdefinieren zu wollen" (17) bzw. über die Einforderung von hinsichtlich ihrer Rechtsqualität umstrittenen Drittgenerationsrechten die Durchsetzungschancen von Menschenrechten generell zu schmälern. Den Kontrapunkt zur Expansion der Menschenrechte setzt der Theologe Martin Honecker mit der Forderung nach der Bestimmung eines Kernbestands von Menschenrechten. Insofern er jedoch keine Begründung derselben leistet, läßt sich auch gegen seinen vermeintlichen hard core von Menschenrechten das Kontextualitätsargument geltend machen, wie es Hans May in seinem Beitrag tut. Damit verabschiedet er sich zugleich vom Universalitätskonzept zugunsten einer "Universalisierung", deren Implikation freilich ist "Konzessionen zu machen innerhalb der Triade hinsichtlich der Einhaltung von Menschenrechtsstandards zugunsten der Promotion von Menschenrechten einer anderen Generation" (43). Neben den Aufsätzen zu grundsätzlichen Fragen von Menschenrechten und Entwicklung bietet der Sammelband eine Reihe interessanter Beiträge zu spezielleren Themen, so zur Menschenrechtskonditionalität in der Entwicklungszusammenarbeit, zur Rezeption des Menschenrechtsgedankens im Islam und zur kirchlichen Menschenrechtsarbeit. Es sind die kontroversen Beiträge zur Frage der Universalität sowie die Vielfalt der Themen und Perspektiven, die den Sammelband auszeichnen – und zu einer weiteren Auseinandersetzung mit dem komplexen Zusammenhang von Menschenrechten und Entwicklung anregen. Aus dem Inhalt: Lothar Brock: Einführung: Menschenrechte im Nord-Süd-Verhältnis (11-19); Martin Honecker: Universalität und Unteilbarkeit der Menschenrechte? (20-30); Hans May: Die Menschenrechte im Diskurs: Von Universalitätsansprüchen zum Prozeß der Universalisierung (37-46); Ines Holthaus: Frauenrechte und Menschenrechte - Aufgaben einer internationalen Frauenmenschenrechtsbewegung (53-64); Franz Nuscheler: Menschenrechte durch Konditionierung der Entwicklungshilfe? (65-72); Wolfgang S. Heinz: Demokratisierung und internationaler Menschenrechtsschutz (73-81); Klaus Hock: Zur Rezeption des Menschenrechtsgedankens im Islam (114-122); Werner Lottje: Die Arbeit des Referats Menschenrechte im Diakonischen Werk der EKD (204-222).
Michael Edinger (ME)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
Rubrizierung: 4.444.422.232.35 Empfohlene Zitierweise: Michael Edinger, Rezension zu: Lothar Brock (Hrsg.): Menschenrechte und Entwicklung. Frankfurt a. M.: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/2737-menschenrechte-und-entwicklung_3585, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 3585 Rezension drucken
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