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/ 21.06.2013
Daniel Maul

Menschenrechte, Sozialpolitik und Dekolonisation. Die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) 1940-1970

Essen: Klartext 2007 (Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen. Schriftenreihe A: Darstellungen 35); 447 S.; 39,90 €; ISBN 978-3-89861-679-9
Geschichtswiss. Diss. München; Gutachter: M. Geyer. – Postkoloniale Studien und Arbeiten zum Prozess der Dekolonisation zwischen 1940 und 1970 können sich fruchtbar eines Zugriffs über internationale Organisationen bedienen, so der Ansatz Mauls. Seine Arbeit über die älteste Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die Internationale Arbeitsorganisation, ist weit mehr als ein Stück Organisationsgeschichte. Die IAO ist zugleich „Akteur und Seismograph im Dekolonisationsprozess“ (16). In ihr wurden exemplarisch für den weltpolitischen Umbruch politische Kämpfe im Spannungsfeld zwischen Menschenrechts- und Entwicklungsnormen ausgetragen. Zugleich war die Organisation durch ihre normativen Aktivitäten – sie nahm beispielsweise maßgeblich Einfluss auf das Entstehen der VN-Menschenrechtskonvention und die sozialpolitische und kolonialismuskritische Erklärung von Philadelphia 1944 – ein bedeutender politischer Akteur im Prozess der Dekolonisation; sie war das „soziale Gewissen der Menschheit“ (109). Maul beschreibt den schwierigen Kampf um soziale und kulturelle Emanzipation der – nur politisch gesehen selbständigen – früheren Kolonien in und mit der IAO. Ihr Programm war dabei ein spezifisch modernistisches, das quasi eine frühe Version der Modernisierungstheorie verkörperte und auf Demokratisierung und universelle Menschenrechte setzte. Mauls detailliertes Buch ist zugleich eine Chronik des Scheiterns dieser Vision. Während Menschenrechte in der frühen Nachkriegszeit noch als emanzipatorisch galten, wurden sie in einem „dialektische[n] Prozess“ (405) später von den Entwicklungsländern als Ausdruck westlicher Dominanz abgewehrt. Dieses Bild wird aus Mauls Sicht aber durch entwicklungspolitische Erfolge der IAO aufgehellt. Schließlich verweist der Autor darauf, dass das Festhalten der Organisation an universalistischen Prinzipien ihre normative Integrationsfähigkeit behauptet hat und dieser normative Kern einen fortdauernden Anknüpfungspunkt für die emanzipatorische Kritik postkolonialer Herrschaft darstellt.
Tine Hanrieder (CTH)
M. A., wiss. Assistentin, Geschwister-Scholl-Institut, LMU München.
Rubrizierung: 4.34.434.444.42 Empfohlene Zitierweise: Tine Hanrieder, Rezension zu: Daniel Maul: Menschenrechte, Sozialpolitik und Dekolonisation. Essen: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27573-menschenrechte-sozialpolitik-und-dekolonisation_32359, veröffentlicht am 16.08.2007. Buch-Nr.: 32359 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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