/ 22.06.2013
Stefano Liberti
Landraub. Reisen ins Reich des neuen Kolonialismus. Aus dem Italienischen von Alex Knaak
Hamburg: Rotbuch Verlag 2012; 254 S.; 19,95 €; ISBN 978-3-86789-155-4Der „große Wettlauf um Anbauflächen, der vor drei Jahren vor allem in Ländern der südlichen Hemisphäre begonnen hat“ (9), steht im Mittelpunkt dieses gründlich recherchierten und ausgewogen geschriebenen Buches. Ausgelöst worden sei dieser Wettlauf durch die Lebensmittelkrise 2007/2008, als die Preise zahlreicher Grundnahrungsmittel in die Höhe schossen, und verstärkt durch die Entscheidung von Staaten der arabischen Halbinsel, die Versorgung ihrer Bevölkerung mit Nahrungsmittel durch Investitionen im Ausland abzusichern. Der italienische Journalist Liberti hat auf seinen Reisen für den Export produzierende Plantagen in Äthiopien besucht, mit de facto enteigneten Dorfgemeinschaften in Tansania gesprochen und Regierungsvertreter sowie einige Investoren befragt. Bei weiteren Recherchen in den USA und Brasilien zeigt sich, dass die weltwirtschaftliche Vereinnahmung des landwirtschaftlichen Bodens, der zuvor überwiegend für die lokale Versorgung genutzt wurde, kein allein afrikanisches Problem, sondern einen globalen Prozess darstellt. Dieser umfasst neben der Produktion von Lebensmitteln auch die Herstellung von Biotreibstoffen. Während allerdings die untersuchten afrikanischen Regierungen den Boden praktisch verschleudern und laut Liberti nur irgendwie auf eine sinnvolle Einbindung ihres Landes in die Weltwirtschaft hoffen, verdienen die US-amerikanischen Farmer, die im großen Stil Bioethanol produzieren, viel Geld. Liberti erläutert außerdem, dass es sich bei den Investitionen in die Lebensmittel- und Bioethanolproduktion nicht (nur) um zwei parallele Entwicklungen handelt, sondern schnell ein Teufelskreis entstanden ist: Werden große Flächen für die Herstellung von Biotreibstoffen genutzt, stehen diese nicht mehr für die Lebensmittelproduktion zur Verfügung und die Preise für Nahrungsmittel steigen. Liberti arbeitet schließlich am Beispiel Brasiliens heraus, dass sich mit den agroindustriellen Investoren und der auf ihren Rechten und ihren Formen des Wirtschaftens beharrenden lokalen Bevölkerung zwei gegensätzliche Lager gegenüberstehen, die völlig verschiedene Referenzmodelle und Weltanschauungen vertreten und nicht miteinander kommunizieren. Liberti würdigt die Argumente beider Seiten – verantwortlich für die völlig unzureichende Lösung dieses Konflikts sind seiner Ansicht nach die Regierungen, die sich nicht um die Interessen ihrer eigenen Bevölkerung kümmern.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.43 | 2.63 | 2.64 | 2.65 | 2.67 | 4.45
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Stefano Liberti: Landraub. Hamburg: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35039-landraub_42168, veröffentlicht am 02.08.2012.
Buch-Nr.: 42168
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
CC-BY-NC-SA