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/ 22.06.2013
Fred Pearce

Land Grabbing. Der globale Kampf um Grund und Boden. Aus dem Englischen von Gabriele Gockel und Barbara Steckhan, Kollektiv Druck-Reif, München

München: Verlag Antje Kunstmann 2012; 399 S.; 22,95 €; ISBN 978-3-88897-783-1
Ist Land Grabbing, also jener rücksichtlose Aufkauf von vermeintlich herrenlosem Land durch multinationale Konzerne und Staaten auf nahezu allen Kontinenten, der neue Imperialismus des 21. Jahrhunderts? Fred Pearce zeichnet – fast durchgängig im Stile einer packenden Reportage auf Basis eigener Reisen, Interviews und Beobachtungen – nach, in welchem unvorstellbaren Ausmaß gegenwärtig besonders in Afrika, aber auch in Südamerika und in China Land auf dubiose Weise aufgekauft und zur industriellen Lebensmittelproduktion genutzt wird. Und zwar geschieht dies, ohne dass die einheimische Bevölkerung davon irgendwie profitieren würde, obwohl diese allzu häufig und schon über Generationen eigentlich das Land besitzt. So habe etwa der Südsudan – kürzlich als 193. Mitglied den Vereinten Nationen beigetreten – „Nachbarn und eloquenten ‚Investoren‘ seine wichtigsten Ressourcen“ überlassen, nämlich fruchtbare Böden im sogenannten Grünen Gürtel, und das in beeindruckendem Umfang: „Gleich am ersten Tag ein Zehntel des Landes herzugeben scheint kein vielversprechender Start für eine neue Nation.“ (72) Der politische, ökonomische und ethische Konflikt, der sich hinter der Praxis des Land Grabbing verbirgt, erweist sich als überaus vielschichtig. Einerseits geht es um die Frage der Landnahme selbst, also um die Durchsetzung exklusiver Zugriffsrechte auf ein Territorium, die gegenwärtig durch wirtschaftliche und (para‑)militärische Macht erreicht wird. Arabische, chinesische und westliche Investoren erweisen sich für die einheimischen Bevölkerungen als übermächtiger Gegner. Hinzu kommt die Frage der Ausbeutung von Ressourcen, angefangen von Metallen und Erzen bis hin zum Getreide. Ist es gerecht, die auf dem besten verfügbaren Anbauland auf „industrialisierten Farmen“ (356) erzielten Erträge außer Landes zu bringen, nur weil einem das betreffende Land gehört – und gleichzeitig die einheimische Bevölkerung hungern, ja verhungern zu lassen? – Was Pearce recherchiert hat, macht wütend. In verschiedensten Facetten zeichnet er nach, wie eine massive globale Umverteilung zugunsten der ohnehin schon reichen Länder im Gange ist, die sich rücksichtslos mit all den Gütern eindecken, die sie für ihr eigenes (Über)Leben im Überfluss zu benötigen glauben. Und diese globale Umverteilung passiert gegenwärtig und in enormem Umfang. Insofern ist das Buch politische Aufklärung im besten Sinne: Pearce macht Missstände öffentlich und fordert, auch wenn die beschriebenen Fakten mitunter wenig hoffnungsvoll stimmen, zur Intervention auf.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 4.432.62.2 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Fred Pearce: Land Grabbing. München: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35800-land-grabbing_43462, veröffentlicht am 16.05.2013. Buch-Nr.: 43462 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA