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/ 22.06.2013
Timo Kaphengst / Evelyn Bahn

Land Grabbing. Der globale Wettlauf um Agrarland

Hamburg: VSA 2012 (AttacBasisTexte 40); 94 S.; 7,- €; ISBN 978-3-89965-481-3
Großflächige Käufe afrikanischen, südamerikanischen oder asiatischen Agrarlandes durch ausländische Investoren stellen seit einigen Jahren eine neue Form der Landnahme dar. Einer internationalen Öffentlichkeit bekannt wurde diese „Land Grabbing“ genannte Erscheinung des modernen Kolonialismus im Jahr 2008, als der Konzern Daewoo die Hälfte des fruchtbaren Landes Madagaskars für 100 Jahre pachten wollte, um Mais und Palmöl für den Export nach Südkorea anzubauen. Attac legt hierzu einen Basistext vor, der kurz und bündig eine ebenso eindrucksvolle wie erschütternde Datensammlung bietet. Obwohl die Untersuchung der Machtverhältnisse zwischen den handelnden Akteuren (Staaten, Investoren, Bevölkerung, Konsumenten) auf der deskriptiven Ebene verbleibt und politologische Analysen etwa zu Neoliberalismus und New Constitutionalism gänzlich fehlen, ist der Text mit seinen zahlreichen gut verständlichen Tabellen und Infoboxen für einen Einstieg ins Thema überaus wertvoll. Die Autoren machen auf die prekären Besitz- und Eigentumsverhältnisse in den ehemaligen Kolonien aufmerksam; aufgrund der hohen Landkonzentration bei Regierung oder Großgrundbesitzer gestaltet sich Land Grabbing dort besonders einfach. Zudem fehlen ausgeprägte Systeme demokratischer Mitspracherechte, was bei gleichzeitiger Korruption den Abschluss von Land Deals zum unkomplizierten und einträglichen Geschäft werden lässt. Auf der Strecke bleibt die einheimische Bevölkerung, die sich trotz fruchtbaren Bodens nicht mehr selbst ernähren kann: „Dadurch entsteht die paradoxe Situation, dass die internationale Gemeinschaft Nahrungsmittelhilfen nach Äthiopien einführt, während die Lastwagen der Investoren tonnenweise Nahrungsmittel aus dem Land ausführen“ (23). Kaphengst und Bahn zeigen die Wechselwirkungen von Energie-, Finanzmarkt-, Nahrungsmittel- und Klimakrise auf und machen auf die Vertreibungen und/oder Pauperisierung der ansässigen Kleinbauern aufmerksam, weil „mit den Investitionen ein bestimmtes (westliches) Modell der Landwirtschaft in diese Länder quasi importiert wird […], das viel Kapital benötigt und mit wenig Menschen bzw. Arbeitskräften auskommt“ (59). Deswegen fordern sie die Regierungen auf, ein Moratorium für alle großen Landtransaktionen zu verhängen, bis (inter-)nationale Regeln geschaffen sind, um die negativen Auswirkungen zu verhindern. Den einzelnen Bürgern raten sie nebst bewussten Einkaufs von Lebensmitteln aus heimischen Anbau und vor allem den Boykott des E10-Kraftstoffs an der Tankstelle; denn was einerseits der Reduktion von Emissionen dienen soll, verschärft andererseits den Kampf um Ackerland.
Tamara Ehs (TE)
Dr. phil., Politikwissenschaftlerin am IWK Wien und Lehrbeauftragte an der Universität Salzburg (http://homepage.univie.ac.at/tamara.ehs/)
Rubrizierung: 4.434.45 Empfohlene Zitierweise: Tamara Ehs, Rezension zu: Timo Kaphengst / Evelyn Bahn: Land Grabbing. Hamburg: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34972-land-grabbing_42066, veröffentlicht am 09.08.2012. Buch-Nr.: 42066 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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