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/ 29.10.2015
Martin Held / Gisela Kubon-Gilke / Richard Sturn (Hrsg.)

Jahrbuch Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik. Band 13: Unsere Institutionen in Zeiten der Krisen

Marburg: Metropolis-Verlag 2014; 327 S.; 34,80 €; ISBN 978-3-7316-1058-8
Der Titel des Jahrbuchs lässt ein Manifest mit neoklassischen Analysen erwarten. Zwar verspricht in dieser Hinsicht zum Beispiel der Beitrag von Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, eindeutige Positionen, aber – und das ist dem Jahrbuch positiv anzurechnen – es kommen auch kritische Autoren zu Wort. So analysiert etwa gleich zu Beginn Gerhard Illing die Wechselwirkungen zwischen Staatsverschuldung und Finanzkrise, indem er das Reinhart‑Rogoff‑Theorem von einem vermeintlich negativen Zusammenhang zwischen staatlicher Schuldenquote und Wachstumsrate als empirisch widerlegt darstellt. Er geht sogar noch einen Schritt weiter, indem er „die Hoffnung, dass eine rasche Umsetzung von Sparmaßnahmen an den Kapitalmärkten als vertrauensbildende Maßnahme interpretiert und mit niedrigen Zinsen […] honoriert wird“ als „naiv“ (37) bezeichnet. Auch Oliver Landmann geißelt die gegenwärtige Krisenpolitik, deren „einheitliche Geldpolitik“ zur „makroökonomischen Divergenz“ (48) zwischen den EU‑Mitgliedstaaten beigetragen habe. Eine ganz andere normative Frage beleuchtet hingegen Hagen Krämer mit seiner Analyse der ungleichen Einkommensverteilung. Dazu führt er in überzeugender Weise das Konzept des „normativen Marktversagens“ (110) ein – ein Zustand, der dann eintritt, wenn die bestehende gesellschaftliche Einkommensverteilung „keine Akzeptanz in der Gesellschaft“ (97) mehr findet. Dazu sei es in der jüngsten Finanz‑ und Wirtschaftskrise gekommen, als in der breiten Öffentlichkeit das Wirken der Management‑Eliten der Wirtschaft hinterfragt wurde. Etwas ungewöhnlich und zum Teil befremdlich unökonomisch kommt der Aufsatz von Michael Hüther daher. So argumentiert er mit Blick auf die freiheitsbeschränkenden Wirkungen der Globalisierung, dass es eines neuen „angemessenen Verständnisses der Bürgerlichkeit im öffentlichen Raum“ (123) bedürfe. Um sein Verständnis von individueller Freiheit, Fairness und Partizipation zu entwickeln, bedient er sich etwas eklektisch bei so unterschiedlichen Autoren wie Paul Nolte, John Rawls, Hannah Arendt und dem Bundesverfassungsgericht, um dann – in neoklassischer Tradition – letztlich doch wieder ein Lob auf die Eigenverantwortung des Individuums zu singen. Etwas unkritisch fällt auch das Urteil von Karl‑Heinz Hausner und Silvia Simon zur Wirkung der Schuldenbremse in der Schweiz und der Bundesrepublik aus, obwohl sie in Deutschland – wie die Autoren selbst eingestehen – noch gar nicht richtig in Kraft getreten ist. Insgesamt hätte dem Band eine strukturiertere Abfolge der Beiträge gutgetan.
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Rubrizierung: 2.22.215.453.52.52.2622.3424.43 Empfohlene Zitierweise: Henrik Scheller, Rezension zu: Martin Held / Gisela Kubon-Gilke / Richard Sturn (Hrsg.): Jahrbuch Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik. Marburg: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/39015-jahrbuch-normative-und-institutionelle-grundfragen-der-oekonomik_46692, veröffentlicht am 29.10.2015. Buch-Nr.: 46692 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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