/ 05.06.2013
Alexandra Nocke
Israel heute: Ein Selbstbild im Wandel. Innenansichten einer Identitätskrise
Bodenheim: Philo Verlagsgesellschaft 1998 (Studien zur Geistesgeschichte 23); 189 S.; brosch., 38,- DM; ISBN 3-8257-0100-XDie Autorin untersucht mit einem so bezeichneten diskursanalytischen Verfahren die israelische Identitätskrise Mitte/Ende der 90er Jahre. Sie stützt sich dabei neben der einschlägigen Literatur auf eine Auswertung der israelischen Presse während eines halbjährigen Aufenthalts im Land 1996/97, knapp 40 Interviews mit teils prominenten Israelis (darunter Abraham Jehoschua, Teddy Kollek und Lea Rabin) und auf eigene Erfahrungen im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung. Ähnlich wie in zahlreichen anderen Publikationen zur israelischen Gesellschaft wird auch hier ihre Spaltung, ja Zerrüttung konstatiert. Vorläufiger Höhepunkt der zunehmenden politischen Konfrontation in Israel sei der zuvor für unmöglich gehaltene "Brudermord" gewesen, die Ermordung Rabins durch einen extremistischen Juden. Die Verfasserin zeichnet den mit dem Pyrrhussieg 1967 einsetzenden Entsäkularisierungsprozeß nach und arbeitet die vielfältigen innerisraelischen Konfliktlinien heraus, deren Virulenz die zionistische Aufbau- und Integrationsideologie nicht mehr zu entschärfen vermag. Vom Spannungsfeld zwischen jüdischer und israelischer Identität über die Instrumentalisierung des Holocaust, die Entstehung eines militanten und messianischen jüdischen Chauvinismus und den israelischen Historikerstreit bis zu den grundsätzlich verschiedenen Reaktionen auf die Ermordung des Premiers - kein Konfliktthema bleibt unerwähnt. Dabei ist die Analyse stellenweise fundiert und bietet dann auch einen durchaus ungewohnten Blick auf die jüngeren Entwicklungen im jüdisch dominierten Staat. Dennoch erfährt der Leser nichts, was er nicht andernorts bereits beschrieben und analysiert fände. Hier machen sich die wissenschaftlichen Defizite der Arbeit bemerkbar: der Verzicht auf eine Anbindung an die politische Kulturforschung, die nur punktuell herangezogenen Umfragedaten und auch die erstaunlich schmale Literaturbasis. Um neue Erkenntnisse zu gewinnen und damit ihrem eigenen wissenschaftlichen Anspruch gerecht zu werden, dafür bleibt die Arbeit zu impressionistisch. Um durch dichte Beschreibung neue Perspektiven auf die innerisraelische Identitätskrise zu eröffnen, dafür bleibt Nocke - unweigerlich und trotz ihrer bemerkenswert guten Kontakte - zu sehr outsider. Für den mit Israel kaum vertrauten Leser dürfte das Buch dessen ungeachtet einige Einblicke in israelische Realitäten 50 Jahre nach der Staatsgründung geben. Der auf Meyers Huntington-Kritik gestützte Befund, daß derzeit innerhalb Israels ein clash of civilizations stattfindet, gehört dabei unzweifelhaft zu den Glanzpunkten des ansonsten eher enttäuschenden Bandes.
Michael Edinger (ME)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
Rubrizierung: 2.63
Empfohlene Zitierweise: Michael Edinger, Rezension zu: Alexandra Nocke: Israel heute: Ein Selbstbild im Wandel. Bodenheim: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7168-israel-heute-ein-selbstbild-im-wandel_9585, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 9585
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
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