/ 03.06.2013
Angelika Timm
Hammer, Zirkel, Davidstern. Das gestörte Verhältnis der DDR zu Zionismus und Staat Israel
Bonn: Bouvier Verlag 1997; 614 S.; geb., 68,- DM; ISBN 3-416-02677-2Vom Titel her bewußt an Rapoports Band zur Judenverfolgung in der Sowjetunion angelehnt untersucht die Studie, weitgehend der Chronologie folgend, die Israelpolitik der DDR von den Jahren der SBZ bis zur deutschen Vereinigung. Im Zentrum stehen die zwischen beiden Staaten strittigen Fragen, die eine Aufnahme diplomatischer Beziehungen verhindert haben: die fehlende Bereitschaft des SED-Regimes zur materiellen Entschädigung von im Ausland lebenden Opfern der Shoah, seine bis zur Gleichsetzung mit dem Nationalsozialismus reichende Kritik "zionistischer Politik" und seine prononciert pro-arabische Haltung. Berücksichtigt werden aber auch die Wirtschaftskontakte, die engen Beziehungen der DDR zur PLO und die Parteibeziehungen zwischen der SED und den israelischen Kommunisten.
Vieles von dem, was Timm ausführt, ist in groben Zügen bereits bekannt. Der eigentliche Wert ihres glänzend recherchierten Bandes ist denn auch nicht in der Präsentation weiterer Details, sondern in der Auswertung israelischer Quellen zu sehen. Erst in der Gegenüberstellung der israelischen und der DDR-Perspektive offenbart sich zum einen die Vielzahl informeller Kontakte, zum anderen das Ausmaß der Ignoranz von DDR-Offiziellen gegenüber den historischen Wurzeln des Zionismus, der Shoah und dem Sicherheitsbedürfnis des Staates Israel. Das zweite Verdienst des Bandes besteht in der Analyse der Israelpolitik der DDR im Kontext der jeweiligen innergesellschaftlichen Entwicklungen und der Außenbeziehungen. Die Vorreiterrolle der DDR bei der (mindestens seit 1967) massiv anti-israelischen Politik der Ostblockstaaten läßt sich zeitweilig etwa mit dem Ankämpfen gegen die Hallstein-Doktrin erklären. Die teils zynische Instrumentalisierung des Antizionismus (in den 50er Jahren auch des Antisemitismus) für außen- oder innenpolitische Zwecke findet in den späten 80er Jahren unter veränderten Vorzeichen ihre Entsprechung in den Annäherungsversuchen an Israel und den World Jewish Congress (WJC): Israel und der WJC sollten nunmehr als Mittel zur Verbesserung der Beziehungen zu den USA dienen.
So überzeugend die Einbettung der DDR-Politik gegenüber Israel in den historischen Kontext ist, so unzureichend bezieht Timm gelegentlich die Systemmerkmale der DDR in ihre Analyse ein. Daß das, wie es im Untertitel heißt, "gestörte Verhältnis der DDR zu Zionismus und Staat Israel" letztlich nur ein besonders fragwürdiges Resultat der Verfaßtheit des SED-Regimes darstellt, wird zwar vorausgesetzt, kaum aber expliziert. Dessen ungeachtet hat Timm einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des Themenfelds "DDR-Juden-Israel" vorgelegt, der sich mit Lothar Mertens unlängst veröffentlichter Habilitation zu den jüdischen Gemeinden in der DDR thematisch ergänzt. Daß er aus der Feder einer ostdeutschen Wissenschaftlerin stammt, sei nur deswegen erwähnt, weil Timm selbst wiederholt darauf hinweist und die "kritische Selbstkorrektur der DDR-Wissenschaftler" (332) auf eigenständige Impulse zurückführt. Was für sie gilt, mag man dennoch bei einer Reihe von DDR-Orientalisten bezweifeln dürfen.
Michael Edinger (ME)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
Rubrizierung: 2.313 | 4.22 | 2.63
Empfohlene Zitierweise: Michael Edinger, Rezension zu: Angelika Timm: Hammer, Zirkel, Davidstern. Bonn: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/3246-hammer-zirkel-davidstern_4251, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 4251
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
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