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/ 02.01.2014
Karl Schlögel

Grenzland Europa. Unterwegs auf einem neuen Kontinent

München: Carl Hanser Verlag 2013; 342 S.; 21,90 €; ISBN 978-3-446-24404-7
Die in seinem jüngsten Band zusammengestellten Vorträge und Essays der vergangenen zehn Jahre stellen einen ganz eigenen Versuch Schlögels zur Erklärung der gegenwärtigen Situation Europas dar. Mit seiner Sprachschönheit und seinen Bildern, die er dabei entfaltet, macht er dem Historiker – verstanden als großem Geschichten‑Erzähler – alle Ehre. Es ist vor allem die Alltagsdimension der „Leute“, die Schlögel durch die Deutung auf den ersten Blick unscheinbar wirkender Begebenheiten freilegt, um damit eine ganz eigene Seite von Europa aufzuzeigen. Schlögel ist überzeugt, dass dieses Europa „intakt ist und funktioniert“, aber eben nicht im Diskurs vieler „Berufseuropäer“ (11) vorkommt. Als hervorragender Kenner Mittel‑Osteuropas und Russlands verweist Schlögel immer wieder auf den Transformationsprozess von 1989, den er als Bezugspunkt auch für die Deutung der gegenwärtigen Krise wählt. In diesen Jahren hätten Europa und vor allem die Menschen der früheren kommunistischen Staaten – trotz erheblicher individueller Einschnitte – unter Beweis gestellt, dass „Hysterie und Panik“ eben gerade nicht zwei Eigenschaften Europas seien. Auch wenn dadurch zuweilen der Eindruck von „Langsamkeit“ sowie einem „Mangel an Dynamik“ (56) entstehe, so lasse sich Integration und Vergemeinschaftung letztlich nicht erzwingen. Vielmehr bedürfe es eines „Moratorium[s] für eine gewisse Sorte von Europadiskurs“, da sich dieser oft nur durch „Stereotypen“, eine „Erfahrungslosigkeit“ und „Begriffsfixiertheit“ (35) auszeichne. Einige der von Schlögel ins Feld geführten Beobachtungen werden inzwischen von der Europasoziologie als Ausdruck einer europäischen Gesellschaftsbildung analysiert: neue transnationale Verkehrsrouten, abgestimmte Eisenbahn‑Fahrpläne, Phänomene der Transformations‑Ökonomie in den mittel‑osteuropäischen Ländern und die Sprachenvielfalt der jungen Erasmus‑Generation. Bei aller Begeisterung für Europa besticht Schlögel immer wieder mit seinem unprätentiösen und mahnenden Stil. So zählen zum Beispiel zu den brillanten Ausführungen seines Buches die Überlegungen zur Bedeutung von Grenzen in Europa. Ohne diese könne der Kontinent nicht leben – wir seien nicht Zeugen eines „Verschwindens der Grenze, sondern ihrer Metamorphose“ (72). Dass Schlögel seinen eigenen Ansatz der anschaulichen Narration auch im theoretischen Diskurs überzeugend zu verteidigen vermag und damit zu einem der Großen seines Faches zählt, belegt sein Vortrag zum Thema „Narrative der Gleichzeitigkeit oder Die Grenzen der Erzählbarkeit von Geschichte“ (316). Gewisse Wiederholungen und Überschneidungen in den nun zusammengestellten Vorträgen nimmt man dabei gerne in Kauf.
Henrik Scheller (HS)
Dr. phil., Dipl.-Politologe, wiss. Mitarbeiter, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl Politik und Regieren in Deutschland und Europa, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 2.612.32.622.352.23 Empfohlene Zitierweise: Henrik Scheller, Rezension zu: Karl Schlögel: Grenzland Europa. München: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36564-grenzland-europa_44742, veröffentlicht am 02.01.2014. Buch-Nr.: 44742 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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