/ 04.06.2013
Yaron Ezrachi
Gewalt und Gewissen. Israels langer Weg in die Moderne. Aus dem Amerikanischen von Angelika Schweikhart
Berlin: Alexander Fest Verlag 1998; 314 S.; geb., 44,- DM; ISBN 3-8286-0039-5Mit seiner Mischung aus sozialwissenschaftlicher Analyse und autobiographischen Momentaufnahmen bietet Ezrachis Band einen originellen Blick auf die israelische Gesellschaft und Politik. Die Ausführungen kreisen um zwei Themen: die Hegemonie des Kollektivismus und der Gemeinschaftswerte in der israelischen politischen Kultur und das (titelgebende) Verhältnis von Gewalt und Gewissen im modernen Israel. Die heftig kritisierte Dominanz des so bezeichneten Kommunitarismus und die aus ihr resultierende Unterdrückung der Subjektivität wird am Beispiel der Sprache sowie am Umgang mit Raum und Zeit eindrucksvoll belegt. So diente die hebräische Sprache im noch jungen Staat Israel der öffentlichen, das heißt zionistischen Sache oder war religiöses Medium, bot aber keine Möglichkeit zum Ausdruck subjektiver Empfindungen. Diese "epische Sprache" (28) findet Ezrachi zufolge ihre Entsprechung im Vorrang des öffentlichen vor dem privaten Raum, dessen markanteste Ausdrucksform der Kibbuz darstellt. Die in die Zukunft gerichtete zionistische Vision und die politische Indienstnahme der alten jüdischen Geschichte bestritten dem Individuum aber nicht allein den persönlichen Raum, sondern auch das Recht auf eigene Lebenszeit. Sie galt es, zum Aufbau und zur Verteidigung des Staates einzusetzen. Bei allen Differenzen verband den sozialistischen, nationalistischen und religiösen Zionismus die Formulierung eines Monumentalepos, das das Individuum dem größeren Ganzen unterordnete. Auf der familiären Ebene wurde das zionistische Epos über die Vätergeneration an die Söhne weitervermittelt und fand in staatlichen Heldenehrungen seinen expressiven Wiederklang. Die Folgen für die israelische Gesellschaft sind aus der Perspektive Ezrachis fatal: Es fehlt den Israelis an einer Kultur des Subjekts und an der Bereitschaft, Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen. Vor allem aber mangelt es an jenem demokratischen Individualismus, der für eine selbstbewußte Partizipation der Bürger am politischen Prozeß und wohl auch für eine Verständigung mit der arabischen Welt wesentlich ist.
Die erfolgreiche Vermittlung der Monumentalepen sieht Ezrachi auch in der äußeren Bedrohung Israels durch die arabischen Staaten begründet. Das aus den Erfahrungen der Diaspora gespeiste Selbstverteidigungsethos wurde in Israel allerdings nach dem Sechstagekrieg erschüttert. In ihrer Anwendung gegen ein militärisch schwächeres Volk, die Palästinenser, geriet die Gewalt plötzlich zu einer moralischen Belastung, nachdem sie zuvor als notwendiges Instrument der Selbstbehauptung kultiviert worden war. Die Konsequenz ist eine bis heute anhaltende Kontroverse über die Politik gegenüber den Palästinensern, die zugleich eine Auseinandersetzung um ethnischen Partikularismus versus liberalen Universalismus bedeutet. Symbolischer Ausdruck des israelischen Ringens um eine Neubestimmung des Verhältnisses von Gewalt und Gewissen ist das während der Intifada zur Aufstandsbekämpfung eingesetzte Gummigeschoß. Für Ezrachi stellt es das Bemühen um die Vermeidung von Todesopfern dar und markiert solchermaßen einen Wendepunkt in der Bewertung von Gewalt. Ob sich ausgerechnet das Gummigeschoß als Symbol für eine veränderte Perzeption der Palästinenser durch die israelische Politik eignet, wird man mit Blick auf seinen praktischen Einsatz bestreiten dürfen. Ezrachis Fundamentalkritik am Kollektivismus der israelischen Gründerjahre ist intellektuell anspruchsvoll, zumal ihm immer wieder die Verknüpfung von Politischem und Privatem gelingt. Die Kritik schießt jedoch dort über ihr Ziel hinaus, wo sie die Vereinigten Staaten als positives Gegenbild präsentiert. So wie die Betonung der Gemeinschaft in Israel eine Gefährdung individueller Freiheiten bedeutet hat, so steht Ezrachis Kultur des Selbst in der Gefahr, zu einem Kult des Selbst zu geraten. Dennoch leistet er einen wichtigen Beitrag zu der Auseinandersetzung mit der zusehends individualistischeren politischen Kultur Israels. Ob es sich deswegen bereits, wie der Klappentext behauptet, um "die erste Mentalitätsgeschichte des modernen Israel" handelt, ist nicht zuletzt deswegen fraglich, weil Ezrachi der Subjektivität breiten Raum läßt. Daß er damit die von ihm geforderte Trennung von privatem und öffentlichem Raum preisgibt, sei hier nur am Rande bemerkt.
Michael Edinger (ME)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
Rubrizierung: 2.63
Empfohlene Zitierweise: Michael Edinger, Rezension zu: Yaron Ezrachi: Gewalt und Gewissen. Berlin: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5336-gewalt-und-gewissen_7004, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 7004
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
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