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/ 06.08.2015
Sebastian Tripp

Fromm und politisch. Christliche Anti-Apartheid-Gruppen und die Transformation des westdeutschen Protestantismus 1970-1990

Göttingen: Wallstein Verlag 2015 (Geschichte der Religion in der Neuzeit 6); 319 S.; geb., 39,90 €; ISBN 978-3-8353-1628-7
Geschichtswiss. Diss. Bochum; Begutachtung: L. Hölscher, W. Damberg. – Sebastian Tripp untersucht, wie sich der westdeutsche Protestantismus von 1970 an bis zur deutschen Wiedervereinigung mit dem Thema Apartheit auseinandersetzte. Am 2. September 1970 erfolgte ein Beschluss des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) zur Unterstützung von Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika auf der Basis des „Programms zur Bekämpfung des Rassismus“. Von diesem Zeitpunkt an war das Thema Apartheit in der Kirche präsent, jedoch ging es um weit mehr als um die Auseinandersetzung mit einem „auf Rassentrennung basierenden Regierungskonzept“ (8): Auf einer wesentlich allgemeineren Ebene wurde in der Debatte über die systematische Unterdrückung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit in Südafrika das politische Selbstverständnis der Kirchen ebenso wie ihr Verhältnis zu staatlichen Institutionen und ihrer Verantwortung angesichts illegitimer oder rechtswidriger politischer oder gesellschaftlicher Strukturen diskutiert. Im Zuge einer detaillierten Analyse einschlägiger programmatischer Schriften und anderweitiger Materialien und Quellen aus der Zeit, die die Debatte rund um ihren Höhepunkt in den 1980er‑Jahren betreffen, kommt Tripp unter anderem zu dem Schluss, dass die im Rahmen der Auseinandersetzung entstandenen Ökumene‑Gruppen das bis dahin dominierende christliche Selbstverständnis der Kirche für einen „globalen Kontext“ geöffnet und bis in die einzelnen Gemeinden hinein um „befreiungstheologische Ideen“ (284) bereichert haben. Spätestens an dieser Stelle erweist sich Tripps Befund als hochgradig politisch relevant: Denn im Rahmen der Auseinandersetzung um ein angemessenes Verhältnis Deutschlands – dessen nationalsozialistische Vergangenheit im Übrigen wesentlicher Bestandteil eben dieser Auseinandersetzung war – zu Südafrika „veränderten sich Ausdrucksformen der Frömmigkeit, die sich in politischen Handlungen äußern konnte“ (286). Im Anspruch, Gesellschaft aktiv gestalten zu wollen, der eine ganze Generation von Theologen sowie den westdeutschen Protestantismus bis heute geprägt habe, treffen sich Religion und Politik.
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Rubrizierung: 2.3132.354.442.67 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Sebastian Tripp: Fromm und politisch. Göttingen: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/38718-fromm-und-politisch_47100, veröffentlicht am 06.08.2015. Buch-Nr.: 47100 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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