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/ 17.10.2013
Cécile Stephanie Stehrenberger

Francos Tänzerinnen auf Auslandstournee. Folklore, Nation und Geschlecht im "Colonial Encounter"

Bielefeld: transcript Verlag 2013 (Histoire 39); 340 S.; 32,80 €; ISBN 978-3-8376-2284-3
Geschichtswiss. Diss. Zürich; Begutachtung: P. Sarasin, S. Goltermann. – Die Autorin „reist“ den Tänzerinnen nach, die zwischen 1942 und 1975 mit den Gruppen der Coros y Danzas de la Sección Femenina de la Falange auf Tournee in Großbritannien, Nord‑ und Südamerika sowie Afrika gingen. Auf YouTube lassen sich Filmaufnahmen dieser Auftritte aufrufen, zu sehen sind Frauen, die in Trachten folkloristisch tanzen. Wie groß ihr Stellenwert einmal war, zeigt Cécile Stephanie Stehrenberger in einer akribischen Analyse, in der sie – auf Dokumente wie Interviews gestützt – die Funktionen dieser von der faschistischen Bewegung ausgesandten Tanzgruppen und die Kontexte, in denen sie sich bewegten, zu einem aufschlussreichen Gesamtbild herausarbeitet. Erzählt wird damit auch die Geschichte eines zumindest partiellen Scheiterns, denn die Franco‑Diktatur erzeugte mit ihrem außen(kultur)politischen Instrument Coros y Danzas auch ungewollte, den eigentlichen Zielen entgegenlaufende Effekte. So wollte die Frauensektion der Falange mit diesen Tanzgruppen zunächst die traditionellen Tänze von „Verunreinigungen“ – etwa durch den Einfluss der Gitanos auf den Flamenco – „säubern“ und damit zugleich ein traditionelles Frauenbild (re‑)etablieren. In den Dörfern allerdings, die in republikanischer Tradition standen, begeisterten sich kaum Frauen dafür. Und die Tänzerinnen, die sich für Auslandsauftritte engagieren ließen, gewannen als Berufstätige an neuem Selbstbewusstsein. Das Spanien Francos sollten sie als freundlich und liebenswert präsentieren, gaben mit ihren Auftritten dann aber in westlichen Ländern wiederholt Anlass zu Protesten gegen die Diktatur; die Verbesserung der Beziehungen zu den USA in den 1950er‑Jahren war weniger der Folklore, sondern vor allem dem Kalten Krieg geschuldet. Vergeblich war zudem der Versuch des Regimes, sich durch die Tänzerinnen als gute Kolonialmacht darzustellen – Stehrenberger legt einen Schwerpunkt ihrer Untersuchung auf die Reisen der Gruppen nach Äquatorialguinea, das bis 1968 spanische Kolonie war. Die Präsentation der Tänzerinnen als vorbildliche Frauen und Spanierinnen mit dem Ziel, die einheimische Bevölkerung zu hispanisieren, liefen dort ins Leere. So lässt sich schließlich feststellen, dass die „Emotions‑Politik“ (35) mit Musik und Tanz auf nicht aufzuhaltende Entwicklungen traf: Weder waren die Dekolonialisierung und – zumal angesichts der Öffnung des Landes für den Tourismus – der Wandel des Frauenbildes zu stoppen, noch ließ sich die tiefe Kluft zwischen Republikanern und Franquisten mit Folklore überbrücken.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.612.252.232.274.22 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Cécile Stephanie Stehrenberger: Francos Tänzerinnen auf Auslandstournee. Bielefeld: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36302-francos-taenzerinnen-auf-auslandstournee_44373, veröffentlicht am 17.10.2013. Buch-Nr.: 44373 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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