/ 22.06.2013
Vedran Džihic
Ethnopolitik in Bosnien-Herzegowina: Staat und Gesellschaft in der Krise
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2009 (Southeast European Integration Perspectives 2); 439 S.; 79,- €; ISBN 978-3-8329-4874-0Diss. Wien; Gutachter: H. Kramer. – Auch 15 Jahre nach dem Ende offener Gewalt in Bosnien-Herzegowina ist der Staat instabil und steckt in einer tiefen Krise. Die Ursache hierfür sieht Džihić in der fortwährenden Virulenz des ethnischen Nationalismus, der das gesamte politische und größtenteils auch das öffentliche Leben bestimme. Die zu Beginn der 90er-Jahre geäußerten Hoffnungen auf einen globalen Niedergang des Nationalismus hätten sich nicht bewahrheitet. Die Vorherrschaft ethnonationalistischer Denkmuster und Herrschaftsmittel zeige sich in allen drei konstituierenden Völkern Bosniens, vor allem aber bei ihren politischen Eliten. Sie führe zu einer Dominanz von Ethnopolitik und münde letztendlich in einer spezifischen, ineffektiven und fragilen Form von Staatlichkeit bei Nichtvorhandensein einer gesamtstaatlichen Identität: der Ethnostaatlichkeit. Džihić liegt es daran, die tiefer liegenden Ursachen dieses Phänomens aufzuzeigen. Hierzu unternimmt er nicht nur eine objektive Analyse der modernen bosnischen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert, um die heutige Dominanz der ethnonationalisierten Geschichtsdeutungen zu hinterfragen. Ebenso wird der externe Einfluss einer kritischen Analyse unterzogen und diejenigen Dokumente auf Widersprüchlichkeiten untersucht, welche die heutige bosnische Staatlichkeit begründeten: die Abkommen von Washington und Dayton 1994 bzw. 1995. Laut Džihić liegen die Gründe dafür, dass „auf der politischen Ebene der Krieg de facto nie beendet [wurde]“ (404), in den fortgesetzten, verankerten und sich teilweise sogar verstärkenden Konfliktlinien des Krieges. Hieran hat das Dayton-Abkommen mit seiner Festschreibung des ethnischen paritätischen und dezentralen Systems ebenso seinen Anteil wie die teilweise naive Politik der internationalen Gemeinschaft, die fälschlicherweise von einem linearen Demokratieautomatismus ausging und sich zu sehr auf formal-institutionalistisches State-building konzentrierte. Džihić gelingt eine konzise und systematische Analyse der Faktoren, welche die Festigung bosnischer Staatlichkeit noch einige Zeit behindern werden.
Christian Haas (CHA)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.61 | 2.2 | 2.21 | 2.23 | 4.41 | 4.42
Empfohlene Zitierweise: Christian Haas, Rezension zu: Vedran Džihic: Ethnopolitik in Bosnien-Herzegowina: Staat und Gesellschaft in der Krise Baden-Baden: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32341-ethnopolitik-in-bosnien-herzegowina-staat-und-gesellschaft-in-der-krise_38588, veröffentlicht am 17.06.2010.
Buch-Nr.: 38588
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M. A., Politikwissenschaftler.
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