/ 17.09.2015
Dietmar Rothermund (Hrsg.)
Erinnerungskulturen post-imperialer Nationen
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2015; 306 S.; brosch., 59,- €; ISBN 978-3-8487-1036-2Wie Herausgeber Dietmar Rothermund einleitend beschreibt, durchlaufen post‑imperiale Nationen verschiedene Stadien im Umgang mit ihrer kolonialen Vergangenheit. Bewusstes Nichterinnern bezeichnet er als lang andauernde „Verschwörung des Schweigens“ (14), die nur durch besondere Anstrengungen oder Ereignisse beendet werden kann – etwa durch eine bestimmte Publikation, Ausstellung oder die Errichtung eines Denkmals. Am Beispiel der Niederlande betont Gert Oostindie (Universität Leiden), der sich der Erinnerungskultur von Immigranten aus den ehemaligen Kolonien widmet, die Bedeutung der „Anwesenheit oder Abwesenheit postkolonialer Migrantengemeinschaften“ (82) für gesellschaftliche Debatten über die Kolonialvergangenheit. In Belgien hingegen, das kaum Einwanderung aus seinen ehemaligen Kolonien erlebte, erweist sich die Teilung der Nation in Flamen und Wallonen als prägend. Auch in Italien, so beschreibt Nicola Labanca (Universität Siena), habe es wenig Immigration aus den ehemaligen Kolonien gegeben; zudem seien die ökonomischen Auswirkungen der Dekolonialisierung hier geringer ausgefallen, da weniger wirtschaftliche Beziehungen mit den Kolonien bestanden hätten als etwa im Falle Großbritanniens. Eine weitere Besonderheit, die sich Italien mit Japan teile, sei die Niederlage im Zweiten Weltkrieg, die dem Kolonialreich ein Ende gesetzt habe: „Die Italiener träumten eingelullt von der faschistischen Propaganda […] und erwachten zu einer Niederlage.“ (184) In Portugal kam mit dem Ende einer Diktatur 1974 das Kolonialreich an sein Ende, anders als in Italien allerdings mit einer Revolution, für die ausgerechnet die Kolonialkriege eine wichtige Ursache waren. Radu Carciumaru (Universität Heidelberg) betont in seinem anschließenden Kommentar als Besonderheit Portugals außerdem die Idealisierung von Entdeckern und Seefahrern, die eine kritische Diskussion über die koloniale Vergangenheit erschwere. Die Kommentare zu den Länderbeiträgen unterscheiden sich stark hinsichtlich Länge, Struktur und Anspruch – teils verstehen sie sich als Nachfragen, teils als ergänzende Vertiefung. Insgesamt schafft der Band ein lesenswertes Panorama, leider ohne die deutschen Kolonien und sogenannten Schutzgebiete zu behandeln.
{FK}
Rubrizierung: 2.23 | 2.61 | 2.68 Empfohlene Zitierweise: Frank Kaltofen, Rezension zu: Dietmar Rothermund (Hrsg.): Erinnerungskulturen post-imperialer Nationen Baden-Baden: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/38876-erinnerungskulturen-post-imperialer-nationen_47219, veröffentlicht am 17.09.2015. Buch-Nr.: 47219 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenCC-BY-NC-SA