/ 16.01.2014
Jürgen Todenhöfer
Du sollst nicht töten. Mein Traum vom Frieden
München: C. Bertelsmann 2013; 447 S.; 19,99 €; ISBN 978-3-570-10182-7Es gibt keine anständigen Kriege – so lautet im Fazit der Tenor Jürgen Todenhöfers nach seinen insgesamt siebenmonatigen Reisen, die er in verschiedenen Etappen zwischen 2011 und 2013 in den Nahen und Mittleren Osten unternommen hat. In diesem Buch nimmt er die Leser_innen mit auf diese Reisen, lässt sie teilhaben an den alltäglichen Leiden und Freuden der Menschen ebenso wie an Momenten großer Politik. Todenhöfer gelingt damit eine beeindruckende Schilderung einer Region in Nahaufnahme wie Gesamtschau gleichermaßen. Da ist zum Beispiel Abdul Latif, Todenhöfers 54‑jähriger libyscher Gastgeber, ein „lächelnder Held“ (15), der Joe Cocker, Pink Floyd und Tangerine Dream mag – und der während einer gemeinsamen Fahrt nach Brega irgendwo in der Wüste, plötzlich und ohne Vorwarnung in einem Hinterhalt ermordet wird – von wem auch immer, wofür auch immer. Ob in Libyen, Syrien, aber auch Irak, Ägypten, Afghanistan – von Anfang an drängt sich das beklemmende Gefühl, der Tod Latifs könnte sich so oder so ähnlich tausendfach in diesen Ländern ereignet haben. Vor diesem Hintergrund erscheinen Überlegungen zur Sicherheitspolitik merkwürdig unangebracht – weil sie für die Opfer, wie Latif, zu spät kommen und die zumeist langwierigen Verhandlungen kaum mit der Dringlichkeit der konkreten Situation in Einklang zu bringen sind. Und so verzichtet Todenhöfer auch auf lange sicherheitspolitische Exkurse. Hier und da scheint seine Ablehnung gegenüber jeder Form von Gewalt durch, sozusagen als mehr implizites denn explizites normatives Grundgerüst seiner Augenzeugenberichte. Einzig und allein eine gewisse Eitelkeit wird man ihm bescheinigen müssen, wenn er wiederholt von seinen Gesprächen mit der Bundesregierung berichtet oder davon, wie er Tony Blair die Welt erklärt. In diesen Passagen hätte dem Band etwas mehr Zurückhaltung gutgetan. Die Stärken liegen ohnehin woanders: in der plastischen, konkreten, auf den einzelnen Menschen und sein Schicksal heruntergebrochenen Darstellung dessen, wie ekelhaft, grausam und schlimm Krieg sein kann. Und er verdeutlicht, wie groß die Hoffnung der beteiligten Menschen auf Frieden trotz allem immer noch ist. Als Todenhöfer einige Monate nach dem Tod Latifs einen anderen seiner damaligen Begleiter besucht, bringt dieser ihn zu zwei seiner Schwestern, die kürzlich Söhne zur Welt gebracht haben: „Beide heißen Abdul Latif.“ (426) – Nicht zuletzt ihnen gegenüber wird sich auch die westliche Politik einmal zu verantworten haben.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.63 | 4.41 | 2.25
Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Jürgen Todenhöfer: Du sollst nicht töten. München: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36619-du-sollst-nicht-toeten_44796, veröffentlicht am 16.01.2014.
Buch-Nr.: 44796
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Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
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