/ 26.06.2014

Matthew Feldman / Paul Jackson (Hrsg.)
Doublespeak. The Rhetoric of the Far Right since 1945
Stuttgart: ibidem-Verlag 2014 (Explorations of the Far Right 3); 334 S.; pb., 39,90 €; ISBN 978-3-8382-0554-0Seitdem Europa – wie zuletzt bei der Europawahl in beängstigendem Ausmaß zu beobachten – ein Wiedererstarken nationalistischer Politikentwürfe erlebt, ist auch die Sprache, in der diese zum Ausdruck gebracht werden, von tagesaktueller Relevanz. Matthew Feldman und Paul Jackson zeigen in der Einleitung zu ihrem Sammelband, worum es dabei konkret geht. Eigentlich, so wundern sie sich, hätte es nach den unvergleichlichen Verbrechen des Holocaust nicht mehr möglich sein dürfen, Inhalte und Positionen aus dem Spektrum der damals vorherrschenden politischen Ideologien auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges weiter zu vertreten, geschweige denn zu propagieren. Die dennoch zu verzeichnenden politischen Erfolge der extremen Rechten erklären sie mit einer geschickten Vermarktungsstrategie, die auf der Umformulierung ihrer politischen Botschaft beruht. Somit avanciert der bewusste, strategisch angewandte Gebrauch von Sprache zum zentralen Analysegegenstand, wenn es um das Verstehen der nach wie vor anhaltenden Konjunktur antisemitischer, neonazistischer und fremdenfeindlicher politischer Gruppierungen und Parteien geht. Wie subtil sich diese Sprachpraktiken in der Grauzone zwischen Mainstream und Radikalismus zu entfalten vermögen, zeigen etwa Hilde Coffé und Jeroen Dewulf in ihrem Beitrag. Am Beispiel der politischen Sprache des Vlaams Belang in Belgien decken sie unter anderem auf, dass dessen fremdenfeindliche Programmatik auf der pauschalen Identifikation von Ausländern mit dem Phänomen der Prostitution gründet: „Only prostitutes leave their doors open. We don’t want to transform Flanders into a public brothel open to any foreigner from Africa or Asia.“ (153) Dass es von solchen verbalen Verunglimpfungen – und kaum verhohlenen Aufrufen zur Gewalt – nur ein kleiner Schritt bis zur tatsächlich angewandten Gewalt ist, illustriert der Beitrag von Chip Berlet mit Blick auf Verfolgungen und versuchte Fälle von Lynchjustiz durch Neonazis in den USA. Angesichts dieser Verbindungslinie und der politischen Relevanz von Sprache, wie sie hier in beeindruckender Art und Weise vorgeführt wird, kann dem Fazit – in Anlehnung an Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem“ – nur beigepflichtet werden: „Silence is consent. Denial is simply evil.“ (322)
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.25 | 2.22 | 2.4 | 2.61 | 2.64 | 2.37 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Matthew Feldman / Paul Jackson (Hrsg.): Doublespeak. Stuttgart: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/37227-doublespeak_45554, veröffentlicht am 26.06.2014. Buch-Nr.: 45554 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenDr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
CC-BY-NC-SA