/ 22.06.2013
Roberto de Mattei
Die Türkei in Europa: Gewinn oder Katastrophe?
Gräfelfing: Resch Verlag 2010; 145 S.; 13,90 €; ISBN 978-3-935197-95-3Wer Argumente gegen den EU-Beitritt der Türkei sucht, wird hier fündig. Der an der römischen Universitá Europea Politikwissenschaft und Geschichte lehrende de Mattei ist in seinem Urteil eindeutig: „Die Eingliederung von 90 Millionen Türken in die politischen und gesellschaftlichen Strukturen Europas [...würde] eine nicht wiedergutzumachende Katastrophe für unseren Kontinent darstellen“ (119). De Mattei sieht die Türkei durch eine starke islamisch-osmanische Identität geprägt, die sie dem europäischen Kontinent im Falle eines Beitritts aufdrängen würde. Europa sei jedoch nicht imstande, „eine Nation zu integrieren, die unseren politischen, kulturellen und religiösen Traditionen so sehr fremd ist wie die Türkei (118). Im Falle eines Beitritts würde das Land zur Hauptnutznießerin der europäischen Strukturfonds werden, insbesondere die Landwirtschaft erhielte gigantische Subventionen. Aufgrund des Ungleichgewichts zwischen der türkischen und der europäischen Wirtschaft sei eine Migration türkischer Arbeitnehmer in die EU zu erwarten, sodass die Sozialausgaben und die Arbeitslosigkeit in den Mitgliedstaaten steigen würden. Zudem sei die Demokratie „nicht sehr demokratisch“ (28), oberflächlich betrachtet besitze die Türkei zwar alle Eigenschaften einer Demokratie, doch de facto liege die eigentliche Macht immer noch in den Händen des Nationalen Sicherheitsrates, in dem die Regierung und die Oberbefehlshaber der Streitkräfte vertreten sind. Inhaftierungen aus politischen Gründen sowie Misshandlungen von Häftlingen seien an der Tagesordnung. Als weitere Problembereiche, die einem Beitritt entgegenstehen, nennt er den ungelösten Zypernkonflikt, die Probleme der kurdischen Minderheit und die Nichtanerkennung des Völkermords an den Armeniern. Daher könne die Türkei für Europa nicht mehr sein als ein „privilegierter Gesprächspartner oder ein geopolitischer Partner“ (118 f.). Im Nachwort für die deutsche Ausgabe weist der Verleger Ingo Resch zusätzlich auf die negativen Konsequenzen für Deutschland hin, die sich aus dem Türkeibeitritt ergeben würden. De Matteis Publikation lässt sich als Gegenentwurf zu Ruprecht Polenz’ Plädoyer für den EU-Beitritt lesen (siehe Buch-Nr. 38800).
Sabine Steppat (STE)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.63 | 4.22 | 3.1 | 2.23 | 2.25
Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Roberto de Mattei: Die Türkei in Europa: Gewinn oder Katastrophe? Gräfelfing: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32576-die-tuerkei-in-europa-gewinn-oder-katastrophe_38884, veröffentlicht am 01.03.2011.
Buch-Nr.: 38884
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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