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/ 22.06.2013
Kathryn Tätzsch

Die Truth and Reconciliation Commission (TRC) in Sierra Leone. Umgang mit Tätern und Opfern am Beispiel Kindersoldaten – ein Beitrag zur Friedenskonsolidierung?

Online-Publikation 2011 (http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2011/5145/pdf/Diss.UniHH_Taetzsch_K._TRCSierraLeone_Ex_Kindersoldaten.pdf); 410 S.
Diss. Hamburg; Begutachtung: R. Tetzlaff, V. Matthies. – Es gibt „kein ‚Erfolgsrezept’ für Friedenskonsolidierung in postkonfliktiven Gesellschaften“ (296) – außer, man verbessert die ökonomische Ausgangslage der potenziellen Gewalttäter. Ausgangspunkt für diesen wenig überraschenden, nachgerade ernüchternden Befund war die Frage, welche Rolle sogenannte Truth and Reconciliation Commissions (TRC) in der postkonfliktiven Stabilisierung einer in politischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht schwachen Gesellschaft spielen. Was Tätzsch am Beispiel Sierra Leones, das über einen besonders hohen Anteil an ehemaligen Kindersoldaten verfügt, nachzeichnet, hat international – man denke etwa an das Beispiel Südafrika – den Ruf eines funktionierenden Instruments der Konfliktbearbeitung. Wahrheits- und Versöhnungskommissionen dienen der Aufarbeitung von Kriegs- und Bürgerkriegsverbrechen, stehen dabei aber außerhalb der staatlichen Jurisdiktion im engeren Sinne. Als „Element vertrauensbildender Maßnahmen“ dienen sie nicht der Aburteilung der Täter, sondern vielmehr der „Offenlegung“ (15) begangener Verbrechen – in diesem Fall besonders mit Blick auf die Gruppe der Kindersoldaten. Die Auswertung zahlreicher semistrukturierter Interviews ermöglicht Tätzsch die Schlussfolgerung, dass eine gezielte Beschäftigung mit ehemaligen Kindersoldaten in den TRCs zwar wesentlich zu einer ersten Friedensstabilisierung beigetragen habe. Dies alleine könne aber eine langfristige und nachhaltige Friedensstabilisierung nicht garantieren. Hierfür seien Einflussnahmen mit Blick auf die speziellen Kontextfaktoren des Konflikts nötig – „verschleppte Reformen“, eine „desaströse ökonomische Situation“, „geringe Investitionen in Bildung und Gesundheitsversorgung“ (294) sind so kontraproduktiv, wie die „langfristige Wiedereingliederung von Ex-Kombattanten“ (295) wünschenswert ist. All diese Aspekte machen den ernüchternden Impetus des eingangs vorgestellten Befundes begreiflich: je komplexer die analytischen Anforderungen an die Stabilisierung von postkonfliktiven Gesellschaften formuliert werden, desto weniger fällt logischerweise der Beitrag eines einzelnen Instruments – wie eben den TLCs – ins Gewicht. Bleiben hier wechselseitige Synergien aus, dann ist nach dem Krieg, wie Tätzsch zu Recht betont, ganz schnell wieder vor dem Krieg.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.672.212.23 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Kathryn Tätzsch: Die Truth and Reconciliation Commission (TRC) in Sierra Leone. 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35452-die-truth-and-reconciliation-commission-trc-in-sierra-leone_42734, veröffentlicht am 06.09.2012. Buch-Nr.: 42734 Rezension drucken
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