/ 05.06.2013
Eva Maria Hinterhuber
Die Soldatenmütter Sankt Petersburg. Zwischen Neotraditionalismus und neuer Widerständigkeit
Hamburg: Lit 1999 (Osteuropa: Geschichte, Wirtschaft, Politik 21); 160 S.; brosch., 39,80 DM; ISBN 3-8258-3932-XZwar sind die Streitkräfte der Russischen Föderation in erheblichem Maße von den politischen und sozioökonomischen Folgen des Systemwechsels und des Transformationsprozesses betroffen, aber dennoch ist eine Demokratisierung in ihren Reihen bis heute ausgeblieben. Angesichts der von Bürokratismus und Autoritarismus geprägten Zustände in der Armee entstanden bereits Ende der 80er-Jahre in der Sowjetunion zahlreiche Bürgerinitiativen mit dem Ziel, die Rechte wehrpflichtiger junger Männer zu wahren. Nicht zuletzt durch die Verleihung des Alternativen Friedensnobelpreises im Jahre 1996 erlangten dabei die "Komitees der Soldatenmütter" auch international eine große Aufmerksamkeit. Diese "Analphabetinnen der Demokratie" (Käthe Reichel) stehen im Vordergrund der Untersuchung, die zu dem Transformationsprozess vom Staatssozialismus zur Demokratie und dem Entstehen einer Zivilgesellschaft in der Russischen Föderation in Beziehung gesetzt werden. Die Autorin widmet sich dabei fünf Themen: erstens den Entstehungsbedingungen der Soldatenmütterorganisationen insgesamt, zweitens der Spezifik der Organisation der Soldatenmütter in Sankt Petersburg, drittens dem diese umgebenden gesellschaftlichen Kontext, viertens ihrem gesellschaftlichen Stellenwert und fünftens den Strategien zur Durchsetzung ihrer Interessen. Sie geht von der Überlegung aus, dass die aus dem Transformationsprozess hervorgehende Zivilgesellschaft einigen sozialen Gruppen neue Möglichkeiten gesellschaftlicher Partizipation eröffnet, anderen wiederum verschließt. Insbesondere Frauen sind von der Marginalisierung in der postsozialistischen Zivilgesellschaft betroffen. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass sich die Soldatenmütter mithilfe des Verweises auf "neotraditionale Geschlechterrollen" Akzeptanz in der Öffentlichkeit sichern, um ihre "Widerspenstigkeit" gegenüber der staatlichen Gewalt zu legitimieren. Die Frage, inwiefern diese Strategie auch Rückschlüsse auf andere Organisationen innerhalb der Russischen Föderation bzw. Osteuropa zulasse, bildet das sich aus den Überlegungen der Autorin ergebende Forschungsdesiderat.
Stefan Gänzle (Gä)
Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.62 | 2.22 | 2.23 | 2.27
Empfohlene Zitierweise: Stefan Gänzle, Rezension zu: Eva Maria Hinterhuber: Die Soldatenmütter Sankt Petersburg. Hamburg: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7822-die-soldatenmuetter-sankt-petersburg_10373, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10373
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