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/ 17.06.2013
Michael Ignatieff

Die Politik der Menschenrechte. Aus dem Englischen übersetzt von Ilse Utz

Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 2002 (Rationen); 121 S.; brosch., 16,- €; ISBN 3-434-50527-X
Der schmale Band gibt mit "Menschenrechte als Politik" und "Menschenrechte als Fetisch" zwei Aufsätze Ignatieffs wieder, die erstmals 2000/2001 im Rahmen der Tanner Lectures on Human Values an der Princeton University unter der Schirmherrschaft des Princeton's University Center for Human Values vorgetragen wurden. Diesen vorangestellt ist eine im Vergleich zum eigentlichen Band recht umfängliche, kritische Einleitung von Amy Gutmann (7-27). Ignatieff selbst analysiert die Widersprüche moderner Menschenrechtspolitik im Spannungsfeld von Nationalismus, Demokratie und Globalisierung, weist aber die relativistisch motivierte Kritik an den Menschenrechten zurück, die in ihnen vor allem einen Ausdruck westlichen Individualisierungs­strebens zu erkennen glaubt. Für ihn sind Menschenrechte nicht zuletzt systematischer Ausdruck der Intuition, alle Menschen seien mit den gleichen moralischen Maßstäben zu messen, ihre zunehmende Verbreitung daher gleichbedeutend mit moralischem Fortschritt. Den Zweck der Menschenrechte umreißt er nicht nur normativ, sondern auch pragmatisch, ihre Natur als genuin politisch: "Die Menschenrechte sind nichts anderes als Politik, die die Aufgabe hat, moralische Zwecke konkreten Situationen anzupassen, und die bereit sein muss, schmerzhafte Kompromisse nicht nur zwischen Zwecken und Mitteln, sondern auch zwischen den Zwecken selbst einzugehen." (47) Daher sollten Menschenrechte nicht als Rechtsanspruch (der qua talis nicht mehr verhandelbar wäre), sondern eher als der gemeinsame Rahmen bei der Suche nach Lösungen zwischen Konfliktparteien verstanden werden, der zwar eine notwendige, nicht aber bereits selbst eine hinreichende Bedingung für eine auf Konsens ausgerichtete Diskussion abgibt. Das pragmatische Argument legt zudem nahe, in der Formulierung von Menschenrechtskatalogen statt umfassender Formulierungen praktische Effizienz anzustreben. Eine Ausdehnung der Menschenrechte jenseits des zum Schutze des selbstbestimmten Handelns, der Grundbedürfnisse und der Würde des Menschen Erforderlichen lehnt Ignatieff daher ab. Weitere zentrale Fragen eröffnen sich ihm in der problematischen Präferenz unterdrückter Minderheiten für den Schutz durch nationale Unabhängigkeit (und damit eigene staatliche Souveränität) gegenüber jenem durch universelle Menschenrechte, sowie in der von ihm skeptisch betrachteten Legitimität humanitär begründeter Intervention - in deren beider Behandlung er unter anderem die Palästinenser-, die Kurden-, die Osttimoresen- und die Tamilenfrage streift.
Thomas Nitzsche (TN)
M. A., Fachreferent für Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena (ThULB).
Rubrizierung: 4.42 Empfohlene Zitierweise: Thomas Nitzsche, Rezension zu: Michael Ignatieff: Die Politik der Menschenrechte. Hamburg: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16524-die-politik-der-menschenrechte_18981, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 18981 Rezension drucken
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