/ 17.06.2013
Ralf Dahrendorf
Die Krisen der Demokratie. Ein Gespräch mit Antonio Polito. Aus dem Italienischen von Rita Seuß
München: C. H. Beck 2002; 116 S.; brosch., 12,90 €; ISBN 3-406-48750-5Es gibt, gerade auch unter den Sozialwissenschaftlern, nur sehr wenige, denen die Gabe geschenkt wurde, sowohl politisch einflussreich zu sein als auch brillante Wissenschaft zu betreiben und deren Ergebnisse in verständlicher Sprache präsentieren zu können. Dahrendorf gehört zu diesem erlauchten Kreis. Die zehn Gespräche, die er mit dem italienischen Journalisten Polito über die Krise und die Zukunft der Demokratie führte, sind denn auch fast kleine, meisterhaft formulierte politische Essays, bei deren Lektüre sich ein "Aha-Erlebnis" an das andere reiht. In zehn Gesprächen zu zehn verschiedenen Themenkreisen unterhalten sich Dahrendorf und Polito über die Leistungsfähigkeit demokratischer Institutionen; sie sprechen über die Auswirkungen der Tendenz, dass sich Entscheidungen von großer Tragweite immer mehr auf Großunternehmen verlagern; sie analysieren, wie die demokratischen Staaten mit den sozialen Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung umgehen und fragen danach, wie die Demokratie auf neue populistische Bewegungen sowie die zunehmende Apathie der Wähler reagiert. Auch dem Zustand Europas und der Rolle Amerikas wenden sie sich zu. Im Schlusskapitel äußert Dahrendorf sich dann zu den Grundlinien einer "neuen Demokratie".
Die Grundfrage, die sich wie ein roter Faden durch alle Gespräche zieht, ist die, "wie wir den Prinzipien, die die Demokratie begründen, treu bleiben können, auch wenn die traditionellen Institutionen nicht mehr in der Lage sind, das Wunder zu vollbringen, die Beziehung zwischen Regierten und Regierenden wirksam zu regeln" (112). Die vielfach diagnostizierte Krise der Demokratie geht für Dahrendorf vor allem darauf zurück, dass die Entscheidungen "aus dem traditionellen Raum der Demokratie ausgewandert sind" (17). Die Institutionen können unter den veränderten sozialen, politischen und ökonomischen Bedingungen ihre ursprünglichen Funktionen nicht mehr zufriedenstellend erfüllen. Für Dahrendorf besteht also ein zentraler Zusammenhang zwischen der Krise der Demokratie und der Krise der Nationalstaaten. Fertige Rezepte, wie dieser doppelten Krise zu begegnen ist, hat er allerdings auch nicht parat. Er hält es jedoch für wenig realistisch, auf eine Erstarkung der Institutionen zu hoffen. Im Zentrum seiner Überlegungen steht vielmehr der Rechtsstaat. Ihn sieht er zusammen mit der Demokratie als Pfeiler der liberalen Ordnung an. Gerade in der jetzigen Situation hält es Dahrendorf für wichtig, ihn zu stärken, denn er gewährleistet die Kontrolle der Macht und ist "ein entscheidender Test für die Prinzipien der Demokratie in politischen Räumen, die über den nationalstaatlichen Rahmen hinausgehen" (113).
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.23 | 3.4 | 2.64 | 2.2 | 3.3 | 3.2 | 4.43
Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Ralf Dahrendorf: Die Krisen der Demokratie. München: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16779-die-krisen-der-demokratie_19279, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 19279
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M. A., Politikwissenschaftler.
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