/ 06.06.2013
Oliver Vorndran
Die Entstehung der ukrainischen Verfassung
Berlin: Duncker & Humblot 2000 (Veröffentlichungen des Osteuropa-Instituts München. Reihe Wirtschaft und Gesellschaft 24); 355 S.; 132,- DM; ISBN 3-428-09676-2Diss. Freiburg i. B. - Sicherlich ist Vorndrans Arbeit die erste umfassende Darstellung zum verfassungsgebenden Prozess und den Verfassungsorganen der unabhängigen Ukraine. Er geht von der Annahme aus, dass die Verfassungsgebung von vier grundlegenden Faktoren geprägt wurde. Es sind "die historischen Vorbedingungen, die Machtkonstellation der Beteiligten, die bestehenden politischen Institutionen und die Ziele der Akteure" (15). Gewissenhaft und detailliert erläutert er diese Faktoren und so entsteht eine informative Chronologie des institutionellen Wandels in der Ukraine seit 1989.
Ungleich höher hätte der Erkenntnisgewinn ausfallen können, wäre es dem Autor durchgehend gelungen, die Zeitgeschehnisse nicht nur zu beschreiben, sondern sie in einem konsistenten Analyseraster zu bündeln. Strukturdefizite des politischen Systems der Ukraine, die sich aus der Verfassungsgebung ableiten lassen und weiterhin die ukrainische Politik prägen, wurden nicht hervorgehoben. Überrascht wird der Leser dann durch die Schlussfolgerungen, denn dort werden neue Fragen und neue Kategorien eingeführt, die vorher unerwähnt blieben. So fehlt die Eingruppierung der politischen Akteure in Hardliner (orthodoxe Kommunisten), Softliner gegen Reformen (Sozialisten, Agrarier), Softliner für Reformen (Zentristen) und Nationalisten (310) als Konzeption in der Einleitung, obwohl Vorndran die Bedeutung einiger dieser Akteure unterstreicht: "Seit 1989 sind Softliner für und gegen die Reformen die dominierenden politischen Gruppen." (310) Der Aussage an sich ist voll zuzustimmen, doch die spezielle Erkenntnisperspektive lässt sich in der Arbeit nicht deutlich feststellen. Das ist schade, denn Vorndran kündigt einen interessanten induktiven Analyseansatz an: "Diese Arbeit ist vielmehr aus der Bemühung entstanden, die ukrainische Politik (im Sinne Max Webers) zu 'verstehen'." (19) Er macht auch allgemeine Aussagen über die Politik in der Ukraine: "Die Wahl dieses induktiven, individuellen und vom 'Verstehen' geleiteten Ansatzes für diese Arbeit bedeutet aber nicht, daß keine Aussagen über generelle Tendenzen oder Strukturen der ukrainischen Politik im verfassungsgebenden Prozeß gemacht werden können. Sie finden sich in den Schlußfolgerungen." (21) Doch diese bleiben für das Verständnis der ukrainischen Politik ein wenig zu blass.
Inhaltsübersicht: Historische und regionale Bestimmungsfaktoren ukrainischer Politik; Aufbruch und Umbruch; Ein Staat im Werden; Die Parlamentswahlen 1994; Die Parteien der Ukraine; Die Bildung der 13. Verchovna Rada; Die Präsidentschaftswahl 1994; Die Regierung zwischen Parlament und Präsident; Das "Gesetz über die Macht"; Die Neuordnung der politischen Gewalten; Der verfassungsgebende Prozess.
Wilhelm Johann Siemers (Sie)
Dipl.-Politologe, Journalist, Redakteur der Sprachlernzeitschrift vitamin de, Florenz.
Rubrizierung: 2.62 | 2.21
Empfohlene Zitierweise: Wilhelm Johann Siemers, Rezension zu: Oliver Vorndran: Die Entstehung der ukrainischen Verfassung Berlin: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8743-die-entstehung-der-ukrainischen-verfassung_14950, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 14950
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Dipl.-Politologe, Journalist, Redakteur der Sprachlernzeitschrift vitamin de, Florenz.
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