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/ 04.06.2013
Zbigniew Brzezinski

Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Aus dem Amerikanischen von Angelika Beck

Weinheim/Berlin: Beltz Quadriga 1997; 311 S.; geb., 39,80 DM; ISBN 3-88679-303-6
Wer die gegenwärtige Diskussion in der Literatur der Lehre von den internationalen Beziehungen verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, daß Staaten eigentlich kaum noch als Akteure ernstgenommen werden. Es wimmelt nur so von multilateralen, internationalen und transnationalen Akteuren, und die Handlungskompetenz von Nationalstaaten wird mehr und mehr in Zweifel gezogen. Brzezinskis Buch dürfte deshalb so manchem Vertreter der Zunft heftige Bauchschmerzen bereiten. Für ihn zählen nach wie vor Handlungseinheiten wie der Nationalstaat und Kategorien wie das nationale Interesse zu den zentralen Bestimmungsfaktoren internationaler Politik. Ebenso operiert er konsequent mit Konzepten wie Geostrategie und Geopolitik. In seinem neuesten, klar durchdachten und formulierten Buch legt er eine umfassende Bewertung der globalen geostrategischen Lage aus Sicht der einzigen verbliebenen Weltmacht, den USA, dar. Deren Führungsrolle hält Brzezinski für kaum anfechtbar: "Außer einer bewußten oder unfreiwilligen Abdankung Amerikas ist in absehbarer Zeit die einzig reale Alternative zur globalen Führungsrolle die internationale Anarchie." (278) Aus diesem Grund fordert er auch ein kontinuierliches Engagement Amerikas in der laut Brzezinski zentralen Weltregion, nämlich Eurasien. Anders als viele gegenwärtige Autoren verlangt er sogar, zumindest für eine Übergangsphase, eine amerikanische Hegemonie - allerdings in der Form einer "Hegemonie neuen Typs" (Kap. 1) -, um die bestehenden geopolitischen Strukturen zu festigen. Mittelfristig soll es allerdings darum gehen, "echte Partnerschaften zu fördern, allen voran jene mit einem geeinteren und politisch klarer definierten Europa und mit einem regional beherrschten China, sowie mit (so ist zu hoffen) einem postimperialen und nach Europa hin orientierten Rußland und am südlichen Rand Eurasiens mit einem, auf die Region stabilisierend wirkenden, demokratischen Indien" (284). Das Ziel ist mithin ein "geopolitischer Pluralismus" (293), der durch ein transeurasisches Sicherheitssystem stabilisiert werden sollte, in dem eine erweiterte NATO, durch einen Kooperationsvertrag mit Rußland verbunden, China und Japan zusammenarbeiten (297). Hegemoniale Macht hält Brzezinski mittelfristig gesehen für nicht mehr zeitgemäß. "Daher ist Amerika nicht nur die erste und die einzige echte Supermacht, sondern wahrscheinlich auch die letzte." (298) Ihre Chance, nachhaltig stabilisierend auf das internationale System zu wirken, dürfte nach Brzezinskis Meinung aus innen- und aus außenpolitischen Gründen wohl nur von kurzer Dauer sein. Um so wichtiger ist für ihn eine klare und entschlossene Politik der USA, wobei die amerikanische Machtausübung dem Weltinteresse und dem eigenen nationalen Interesse dienen soll. Eine unklare, multilateral orientierte Außenpolitik wie sie Clinton in den ersten beiden Amtsjahren betrieb, hält er für falsch, weil sie "die Realitäten der derzeitigen Macht nicht genügend in Betracht [zog]" (305). Brzezinskis Buch wird zweifellos auf sehr viel Kritik stoßen. Sowohl die Begrifflichkeit als auch die Analyse und die Schlußfolgerungen daraus bieten eine sehr große Angriffsfläche. Insbesondere die Forderung nach einer amerikanischen Vorherrschaft, und sei sie auch nur für eine Übergangsperiode gedacht, ist mit Skepsis zu sehen, denn Macht ruft Gegenmachtbildung hervor. Auch könnten divergierende ökonomische Interessen dazu führen, daß die Handlungsfähigkeit einer hegemonialen Vormacht USA stark eingeschränkt würde. Die Rolle multilateraler Handlungszusammenhänge bei der Gestaltung des internationalen Systems sollte nicht unterschätzt werden. Unter dem Strich bleibt jedoch das Fazit, daß Brzezinski ein ausgesprochen anregendes Buch vorgelegt hat, das im besten Sinne die Weltpolitik erklärt. Von allzu vielen in den letzten Jahren zur Neugestaltung des internationalen Systems nach dem Ende des Ost-West-Konflikts veröffentlichten Büchern läßt sich das leider nicht behaupten.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 4.222.642.682.62 Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht. Weinheim/Berlin: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6389-die-einzige-weltmacht_8689, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 8689 Rezension drucken
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