/ 05.06.2013
Harald Nielsen
Die DDR und die Kernwaffen - Die nukleare Rolle der Nationalen Volksarmee im Warschauer Pakt. Nuclear History Program (NHP)
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 1998 (Internationale Politik und Sicherheit 30/6); 235 S.; geb., 38,- DM; ISBN 3-7890-5510-7Die Studie bietet neben schon bekannten Tatsachen (kein Nuklearwaffenbesitz der DDR; nukleare Kontrolle durch die UdSSR; konventionelle wie nukleare Verwendungsmöglichkeit der NVA-Raketensysteme, wahrscheinlich auch geeignet für chemische Gefechtsfeldköpfe) eine Reihe von bemerkenswerten Ergebnissen, die an den häufig in der Wissenschaft leichthin akzeptierten Perspektiven rütteln: 1. Die Sowjetunion ist in ihren militärischen Planungen von einem Angriff der NATO ausgegangen. Zwar verließ sich die UdSSR vor allem auf ihre konventionelle Kampfstärke, hätte insofern auch nicht den ersten A-Waffeneinsatz befohlen, allerdings hätte sie wahrscheinlich die NATO-Strategie der Flexible Response und ihre Eskalationsabsichten nach einem ersten Atomeinsatz durch die NATO mit einem großen nuklearen Gegenschlag gleichsam scheitern lassen. Wie allerdings nach einem solchen Einsatz das verstrahlte Gebiet für die eigenen Operationen genutzt werden sollte, darüber war man sich offensichtlich auch auf sowjetischer Seite nicht einig. 2. Erst in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre hat die UdSSR einen längeren konventionellen Krieg eingeplant. Diese Einstellung ist, so Nielsen, eine eindeutige Reaktion auf die veränderten politischen Umstände. 3. 1985 wurde die SS-23 in der NVA eingeführt. Davon hat die NATO erst 1990 erfahren. Abgesehen davon, daß hier die westliche Aufklärung versagte, gewinnt die Aufstellung des Waffensystems insofern an Brisanz als die SS-23 unter den INF-Vertrag fiel, die UdSSR die Lieferung der Systeme an die DDR, die CSSR und an Bulgarien aber geschickt vertuschte. Die Stärke der lesenswerten und nicht zuletzt durch ihre klare Strukturierung bestechenden Studie ergibt sich aus zwei Umständen: Zum einen hat Nielsen sich auf einschlägige, bislang nicht ausgewertete NVA-Dokumente stützen können. Zum anderen kann Nielsen auf sein einschlägiges Fachwissen zurückgreifen; während seiner Bundeswehrdienstzeit (1960-1987) war er unter anderem in der militärischen Aufklärung tätig und im Bundesverteidigungsministerium mit dem Aufgabengebiet "Streitkräfte des Warschauer Paktes" befaßt.
Inhaltsübersicht: 1. Planungs- und Führungsbegriffe der sowjetischen Militärstrategie; 2. Rolle und Aufgaben der NVA auf dem Kriegsschauplatz; 3. Grundsätze für den Einsatz von Nuklearwaffen auf dem Kriegsschauplatz; 4. Die Nuklearplanung einer sowjetischen Front; 5. Ansatz der Kräfte und Mittel; 6. Nutzung der EDV zur Unterstützung des Kernwaffeneinsatzes; 7. Transport und Zuführung von Raketen und nuklearen Gefechtsköpfen; 8. Kontrolle und Sicherheit der nuklearen Gefechtsköpfe; 9. Die nuklearen Trägersysteme der NVA; 10. Die Raketentruppen der NVA-Landstreitkräfte; 11. Umsetzung der sowjetischen Nuklearplanung in der NVA; 12. Konventionelle und chemische Einsätze; 13. Übungen und Manöver.
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.313 | 4.3
Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Harald Nielsen: Die DDR und die Kernwaffen - Die nukleare Rolle der Nationalen Volksarmee im Warschauer Pakt. Baden-Baden: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7605-die-ddr-und-die-kernwaffen---die-nukleare-rolle-der-nationalen-volksarmee-im-warschauer-pakt_10104, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10104
Rezension drucken
Dr., Historiker.
CC-BY-NC-SA