Skip to main content
/ 06.06.2013
Helga Haftendorn

Deutsche Außenpolitik zwischen Selbstbeschränkung und Selbstbehauptung. 1945-2000

Stuttgart/München: Deutsche Verlags-Anstalt 2001; 536 S.; geb., 29,80 €; ISBN 3-421-05219-0
Fünfundfünfzig Jahre deutsche Außenpolitik - von der Kapitulation 1945 bis hin zum selbstbewusst agierenden, vereinigten Deutschland des Jahres 2000 - bilden den Hintergrund dieser Arbeit, vor dem Haftendorn die Frage nach der Wiedergewinnung des Handlungsspielraums der deutschen Politik stellt. Die Veränderung, die sich in dieser Zeit vollzog, hätte kaum größer sein können: 1945 war Deutschland geteilt, zerstört und in Europa isoliert. Über die Zukunft entschieden nicht die Deutschen, sondern die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. Mit der engen Einbindung der beiden deutschen Staaten in die Herrschaftssysteme Washingtons und Moskaus wurde die Ausgestaltung der Beziehungen der beiden Staaten zueinander bestimmt und das Verhältnis zu den Siegermächten war durch den Kalten Krieg geprägt. Doch nicht nur der Ost-West-Konflikt, sondern auch die eigene Geschichte band den Handlungsspielraum deutscher Politik. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und die Verhinderung einer Wiederholung waren Kernelemente der europäischen Nachkriegspolitik. Für die Nachbarn Deutschlands bedeutete dies jedoch, dass sie mit besonderer Wachsamkeit und Sensibilität auf Deutschland schauten. Am Ende der Darstellung steht allerdings ein Deutschland, das zehn Jahre zuvor seine nationale Einheit wiedergewann, ein geachtetes Mitglied der Völkergemeinschaft ist, mit seinen europäischen Nachbarn in Frieden lebt und sich zu einer treibenden Kraft im Prozess der europäischen Vereinigung entwickelt hat. Angesichts dieses enormen Wandels, den Deutschland vollzogen hat, analysiert Haftendorn die Reduzierung von Abhängigkeiten und die Erweiterung von Einfluss- sowie Handlungsmöglichkeiten im Verlauf dieser Jahre: "Unser 'Suchlicht' ist die Frage nach der Wiedergewinnung des Handlungsspielraums der deutschen Politik. Zu ihrer Beantwortung reicht eine chronologische, diplomatiegeschichtliche Darstellung nicht aus. Vielmehr muß gezeigt werden, wie die handelnden Politiker auf Kontrollen, Beschränkungen und von außen auferlegte Bindungen reagiert haben, mit denen die Bundesrepublik und die DDR bis zur Vereinigung konfrontiert waren." (10) Die Autorin macht den Pragmatismus der Politik in den Jahren der Teilung deutlich, mit dem auf die weltpolitischen Herausforderungen reagiert wurde. Eindrucksvoll schildert sie, wie innenpolitische Erwägungen und Wünsche zurückgestellt wurden, um durch die Einsicht in das Mögliche und Notwendige die wenigen Chancen zu einer eigenständigeren Politik zu nutzen. In diesem Kontext verdeutlicht sie die strukturellen Abhängigkeiten, in denen sich beide deutsche Staaten bewegten - die europäische Teilung, die Bindung an die Supermächte, die Mitgliedschaft in den Bündnissystemen - und wie sich die beiden Seiten jeweils mit ihren Abhängigkeiten arrangierten. Während der Osten zum Ausführungsgehilfen Moskauer Außenpolitik wurde und sich den Vorgaben einer Politik der Kooperation mit den "sozialistischen Bruderstaaten" fügte, verzichtete der Westen freiwillig auf Souveränitätsrechte und band sich fest an die beginnenden Integrationsprozesse. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und nach der deutschen Wiedervereinigung blieben diese strukturellen Bindungen des Westens erhalten, während sich das Umfeld vollständig wandelte und damit viele der - zum Teil selbstauferlegten - Beschränkungen deutscher Politik entfielen. Die Autorin zeigt, wie man sich in den zehn Jahren um Kontinuität in der Außenpolitik und um die Bestätigung ihrer bisherigen Grundpfeiler bemühte. Sie erläutert die Prozesse, denen diese Politik folgt und macht theoretische Zusammenhänge deutlich. Es handelt sich bei der gesamten Darstellung in diesem Sinne nicht um eine Ereignisgeschichte - obwohl zentrale europäische Ereignisse die Grundlage bilden -, sondern um eine Analyse und Erklärung von Entwicklungsmustern und um Strukturgeschichte. Dabei folgt sie zehn "Fallstudien", welche die Hauptprobleme deutscher Außenpolitik verkörpern und einen Fokus auf zentrale Entwicklungen ermöglichen. Entsprechend hoch ist die inhaltliche Dichte ihrer umfangreichen Darstellung, die trotzdem allgemeinverständlich und übersichtlich bleibt. Der Autorin gelingt eine beeindruckende Kombination aus historischer Darstellung und theoretisch fundierter Analyse außenpolitischer Interaktionen und Strukturen.
Stefan Göhlert (SG)
M. A., Politikwissenschaftler, Protokollchef und Bürgerbeauftragter in der Verwaltung der Stadt Jena.
Rubrizierung: 4.21 Empfohlene Zitierweise: Stefan Göhlert, Rezension zu: Helga Haftendorn: Deutsche Außenpolitik zwischen Selbstbeschränkung und Selbstbehauptung. Stuttgart/München: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8789-deutsche-aussenpolitik-zwischen-selbstbeschraenkung-und-selbstbehauptung_17755, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 17755 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA