/ 21.06.2013
Stefan Kornelius
Der unerklärte Krieg. Deutschlands Selbstbetrug in Afghanistan
Hamburg: edition Körber-Stiftung 2009 (Standpunkte); 100 S.; brosch., 10,- €; ISBN 978-3-89684-138-4Kornelius macht sich gar nicht erst die Mühe, Ausgewogenheit vorzutäuschen. Gemäß dem Anspruch der Reihe handelt es sich um eine sprachlich wie inhaltlich provozierende Streitschrift. Der Leiter des außenpolitischen Ressorts der Süddeutschen Zeitung charakterisiert die politische Debatte über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr als „halbgar, unwahr und heuchlerisch” (10) und sieht eine Art Schweigekartell aus Bundesregierung, Parlamentariern und hohen Militärs am Werk, deren oberstes Gebot zu lauten scheine, der Öffentlichkeit die wahre Dimension des Afghanistan-Einsatzes zu ersparen. Immer noch erweckten diese den Eindruck, die Bundeswehr sei als Aufbauhelfer nach Zentralasien entsandt worden. Doch in Wirklichkeit, so Kornelius, führe sie Krieg: gegen die Taliban, gegen den islamistischen Terror und gegen den drohenden politischen Kollaps einer jeden stabilen politischen Ordnung in der Region. Der Autor empfiehlt mehr Offenheit: Insbesondere der unehrliche Umgang mit dem UN-Mandat ärgert ihn, denn die heuchlerische Mandatsinterpretation, wie sie immer noch gepflegt werde, stehe einer realistischen Wahrnehmung Afghanistans im Weg und gefährde letztlich die Soldaten der Bundeswehr. Unnötig habe die deutsche Politik zudem durch unsinnige Regeln den Einsatz der Bundeswehr eingeschränkt und sie so weitgehend handlungsunfähig gemacht. Die Unentschlossenheit der Verantwortlichen habe sich zu einem Knäuel von Widersprüchen, politischen Halbwahrheiten und militärischem Unfug verdichtet. Wie bei jeder guten Polemik ist manche Kritik (bewusst) inhaltlich wie begrifflich überzogen, aber die Argumente des Autors sind plausibel und seine Empfehlungen treffend. Dass diese Einsichten auch mittlerweile in der Politik ihren Niederschlag gefunden haben, illustrieren beispielhaft die offensive Veränderung der Einsatzregeln für die Bundeswehr im vergangenen Jahr, die deutlich gesunkenen Erwartungen bezüglich des in Afghanistan Erreichbaren sowie schließlich auch das offizielle Eingeständnis, dass es sich in Afghanistan um einen nichtinternationalen bewaffneten Konflikt handele.
Markus Kaim (MK)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
Rubrizierung: 4.21 | 4.41 | 2.68
Empfohlene Zitierweise: Markus Kaim, Rezension zu: Stefan Kornelius: Der unerklärte Krieg. Hamburg: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31285-der-unerklaerte-krieg_37228, veröffentlicht am 10.03.2010.
Buch-Nr.: 37228
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
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