/ 23.01.2014
Wolfgang Gieler / Friederike Petersen
Der Fall Hrant Dink – Fünf Jahre nach der Ermordung. Eine Analyse türkischer Tageszeitungen
Berlin: Lit 2013 (Politik & Kultur 13); 213 S.; 39,90 €; ISBN 978-3-643-12243-8Die Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink im Januar 2007 in Istanbul erlangte internationale Aufmerksamkeit. Dink, der türkischer Staatsbürger war, war zuvor für seine Arbeiten von nationalistischen Kräften verunglimpft und bedroht worden, wobei auch türkische Medien eine unrühmliche Rolle gespielt hatten. Davon ausgehend untersuchen Wolfgang Gieler und Friederike Petersen die Berichterstattung fünf Jahre nach Dinks Tod, zumal im Januar 2012 auch das Urteil gegen seinen Mörder verkündet wurde. Grundlegend ist dabei, „wie an Hrant Dink erinnert wird und ob die Zeitungen ihre eigene Rolle reflektieren“ (14). Zuvor werden konstruktivistische Ansätze zu Nationalismus und Identität dargestellt und eine Übersicht des „türkischen National‑, Staatsbürger‑ und Minderheitenverständnisses“ (15) gegeben. Die Autoren zeigen das Spannungsverhältnis zwischen nationalem und ethnischem Türkentum im medialen, politischen und juristischen Diskurs. Umrissen wird der für den Fall Hrant Dink hoch brisante Völkermord an den Armeniern, bei dem „das türkisch‑staatliche Narrativ der Ereignisse, im Kern eine Leugnung, bis heute dominiert“ (41). Dink wird als einer derer vorgestellt, die die Alleingültigkeit der staatlichen Sichtweise herausforderten. Dieser große, der eigentlichen Analyse vorgelagerte Teil basiert auf vorhandenen Studien und Monografien, er liefert in den Fußnoten viele weiterführende Lektüreanregungen. Allerdings ist an mancher Stelle, an der die Quellenverweise eine Paraphrasierung mehrerer Seiten derselben Sekundärliteratur erkennen lassen, der Mehrwert der Passagen fraglich. Im empirischen Hauptteil werden Texte untersucht, die vom 17. bis 20. Januar 2012 auf den Internetseiten von fünf türkischen Zeitungen zu Hrant Dink veröffentlicht wurden. Insgesamt erkennen Gieler und Petersen in den Artikeln einen „Bewusstseinswandel im Hinblick auf Minderheiten und die Rolle der Medien“ (129). Der analysierte Zeitraum, rund um die Urteilsverkündung und den Todestag, liefert dabei viel Material (insgesamt über 200 Beiträge), das dank des umfangreichen Anhangs gut zu überblicken und bei tiefergehendem Interesse nutzbar ist. Es ist aber kritisch zu hinterfragen, inwieweit der kurze Zeitraum, zumal mit zwei solch brisanten Ereignissen, für den öffentlichen Diskurs repräsentativ ist. So sind auch die Autoren skeptisch, ob die „vorgefundene Bereitschaft zur Selbstkritik und Reflexion auch auf andere Fälle und Rahmen übertragen werden kann“ (131). Weitere Untersuchungen zu dieser Thematik, gerade mit Blick auf die Beziehungen zwischen EU und Türkei, sind darum nur zu begrüßen.
Frank Kaltofen (FK)
Politikwissenschaftler, Promotionsstudent, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.63 | 2.22 | 2.23 | 2.25
Empfohlene Zitierweise: Frank Kaltofen, Rezension zu: Wolfgang Gieler / Friederike Petersen: Der Fall Hrant Dink – Fünf Jahre nach der Ermordung. Berlin: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36650-der-fall-hrant-dink--fuenf-jahre-nach-der-ermordung_45100, veröffentlicht am 23.01.2014.
Buch-Nr.: 45100
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Politikwissenschaftler, Promotionsstudent, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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