/ 20.02.2014
Hans Asenbaum
Demokratie im Umbruch. Alternative Gesellschaftsentwürfe der russischen Perestroika-Bewegung
Wien: new academic press 2013; 221 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-7003-1860-6Diplomarbeit Wien; Betreuung: D. Segert. – In Büchern über die Perestroika‑Zeit finden alternative Vorstellungen zur demokratischen Gestaltung der Gesellschaft kaum Erwähnung. Im Gegensatz zu Gorbatschow und seinen Reformen sind die von einer Vielzahl an Gruppierungen entwickelten Überlegungen weithin „vergessene Ideen“ (18), wie Hans Asenbaum konstatiert. Er möchte sie in seiner Studie zurück ins Gedächtnis holen und verfolgt mit diesem Vorhaben drei Ziele: Erstens können seiner Ansicht nach alternative Demokratietheorien vor dem Hintergrund aktueller Systemkrisen als ein wichtiges Ideenreservoir fungieren. Zweitens fragt Asenbaum „nach den Freiräumen in den letzten Jahren dieses Herrschaftssystems […], in denen emanzipative, demokratische Ideen entstanden“ (19). Und drittens strebt er an, die Perestroika als einen politischen Prozess zu verstehen, in dem nicht nur die Eliten, sondern auch die Ideen „normaler“ Menschen eine Rolle spielten. Asenbaum erschließt sich zunächst wichtige Begriffe und Ansätze zur Erforschung der Perestroika. Durch eine die bisherigen Forschungsperspektiven integrierende Herangehensweise nähert er sich seinem Untersuchungsgegenstand: der Informellenbewegung, die sich während der Perestroika bildete. Im zweiten Kapitel stellt er den historischen Prozess und die in der Forschungsliteratur uneindeutigen Bedingungen oder Einschätzungen der Bewegung mit „halb legale[m], halb unterdrückte[m] und halb freie[m] Status“ (173) in der Sowjetunion vor. Aus den theoretischen Betrachtungen leitet Asenbaum verschiedene Analysekriterien ab, die die Auswertung seiner 16 in Russland geführten Expert_inneninterviews angeleitet hat (Kapitel 4). Alle Interviewten waren Protagonist_innen der Informellenbewegung. Sinnvollerweise unterscheidet der Autor zwischen politischen Alternativen (anhand der Variablen Institutionen, Entscheidungskompetenz, Entscheidungsprinzip, Parteien, Zivilgesellschaft) sowie ökonomischen Alternativen (anhand der Variablen Wirtschaftsmechanismen, Entscheidungen in der Wirtschaft, Sozialsystem und soziale Un‑/Gleichheit). Wie Asenbaums sorgfältige Auswertung zeigt, wurde der schillernde Begriff der Demokratie auf ganz verschiedene, aus heutiger Sicht kaum erwartbare Weise gefüllt. Asenbaums wichtiger Beitrag ist es, diese Vorstellungen für heutige und zukünftige Arbeiten gesichert zu haben.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.62 | 2.2 | 2.22
Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Hans Asenbaum: Demokratie im Umbruch. Wien: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36763-demokratie-im-umbruch_44864, veröffentlicht am 20.02.2014.
Buch-Nr.: 44864
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M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
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