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/ 22.06.2013
Willi Baer / Karl-Heinz Dellwo (Hrsg.)

Dass du zwei Tage schweigst unter der Folter! Elisabeth Käsemann, Klaus Zieschank, die Diktatur in Argentinien und die Leichen im Keller des Auswärtigen Amtes

Hamburg: LAIKA Verlag 2010 (Bibliothek des Widerstands 8); 192 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-942281-77-5
Nach dem Militärputsch 1976 begann in Argentinien eine Zeit der Verfolgung, grundlosen Haft und Folter für Tausende Menschen, die für viele tödlich endete. Klaus Zieschank und Elisabeth Käsemann sind zwei der Opfer. Die Herausgeber richten mit diesem Buch nun das Augenmerk auf die in der aktuellen Mediendebatte vergessenen Fälle und thematisieren zugleich die damalige, nicht unumstrittene Haltung einiger deutscher Politiker: „Seit Sommer 1976 war Hans-Dietrich Genscher über den Mord an Klaus Zieschank informiert und ordnete unter Androhung von beruflichen Folgen in einem Geheimerlass an, diese Information nicht öffentlich werden zu lassen“ (10). Das Nichteingreifen der Bundesregierung begründet Karl-Heinz Dellwo in seinem Vorwort mit den engen Kontakten und guten Beziehungen deutscher Politiker und Wirtschaftsunternehmen zu Regierung und Militär in Argentinien. Neben dem thematisch einordnenden Vorwort und kurzen biografischen Überblicken (in denen auch Wikipedia als Quelle herangezogen wird) findet sich im Buch auch ein Interview mit Wolfgang Kaleck (Generalsekretär des Europäischen Zentrums für Verfassungs- und Menschenrechte), der sich mit den Fällen Zieschank und Käsemann und der Lage in Argentinien nach dem Militärputsch befasste und seine Rechercheergebnisse sowie persönlichen Einschätzungen darlegt: „Die sozialliberale Regierung Schmidt-Genscher hat im Prinzip die Dinge einfach laufen lassen. ‚Laufen lassen‘ heißt, man hat die Diktatoren morden lassen und trotzdem Geschäfte mit ihnen betrieben. Das äußert sich vor allem auch in der enormen Zunahme des Waffenhandels mit Argentinien und dem berühmt-berüchtigten Atomgeschäft, das Siemens mit Argentinien abgeschlossen hat“ (32). Als das Herzstück des Buches kann der Artikel von Dagmar Lieske gesehen werden, der gleichzeitig ihre im Jahr 2007 fertiggestellte Magisterarbeit ist. Nach einem kurzen geschichtlichen Abriss und der Darstellung der deutsch-argentinischen Beziehungen bis 1976 untersucht Lieske anhand der deutschen Presse erstens die unmittelbaren Reaktionen auf den Putsch, zweitens den Umgang mit den deutschen Opfern der Diktatur und drittens die Debatten über Argentinien während der Fußballweltmeisterschaft. Obgleich sie betont, dass nicht pauschal geurteilt werden kann, stellt sie doch junta-freundliche Positionen insbesondere innerhalb der konservativen Presse (Welt, FAZ) und der deutschen Bundesregierung fest. „Völlig anders verhielten sich SZ und FR, deren Fokus auf der Anprangerung von Menschenrechtsverletzungen lag; das Magazin Spiegel nahm eine Zwischenposition ein. Von gleichförmigen Medien kann deshalb keine Rede sein“ (157).
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.652.254.21 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Willi Baer / Karl-Heinz Dellwo (Hrsg.): Dass du zwei Tage schweigst unter der Folter! Hamburg: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34934-dass-du-zwei-tage-schweigst-unter-der-folter_42009, veröffentlicht am 05.07.2012. Buch-Nr.: 42009 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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