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Drew Westen

Das politische Gehirn. Aus dem Englischen von Niklas Hofmann

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2012 (edition unseld 44); 184 S.; 15,- €; ISBN 978-3-518-26044-9
Andrew „Drew“ Westen, Professor für Psychologie und Psychiatrie an der Emory Universität Atlanta/Georgia und sich seinem politischen Selbstverständnis nach eher zur linken Mitte zählend, setzt sich mit der rationalistischen Illusion des Liberalismus auseinander. Diese Illusion, der – so Westen – immer noch die Mehrheit der Politikwissenschaftler, Ökonomen und Kognitionsforscher erliegt, beruht auf der Annahme eines leidenschaftslosen Gehirns. Die meisten Menschen würden dieser Perspektive zufolge in ihrem Handeln mindestens den Ansprüchen einer begrenzten Rationalität entsprechen, also ihre Entscheidungen unter Abwägungen von Optionen nach Maßgabe des erwarteten Nutzens treffen. Dieses Bild einer „idealerweise leidenschaftslosen Wählerschaft“ (20) sei jedoch mit der politischen Praxis unvereinbar: In ihr spielt der Marktplatz der Emotionen die größte Rolle, nicht der Marktplatz der Ideen. Westen belegt diese Aussage mit vielen, sehr anschaulich beschriebenen Beispielen erfolgloser Wahlkämpfe der Demokraten in den USA. Obschon es die faktischen Parteibindungen in der Wählerschaft nicht nahe legten, wurde „nach Franklin D. Roosevelt [...] nur ein einziger demokratischer Präsident wiedergewählt (Bill Clinton), während das vier Republikanern gelang (Eisenhower, Nixon, Reagan, George Bush)“ (36). Die Wahlkampfstrategien der Demokraten stehen in der Sicht des Autors paradigmatisch für einen Stil politischer Kommunikation, der primär kognitiv bestimmt ist, Sachdebatten in den Vordergrund rückt und – gespeist von einem Unbehagen gegenüber Emotionen – eher auf Argumente als auf die Ansprache von Gefühlen setzt. Unter Berufung auf Darwin, Freud und Skinner votiert Westen dezidiert für eine Position, die das politische Gehirn als ein emotionales Gehirn versteht. Dementsprechend sollten auch die politischen Kampagnen des liberalen Lagers sich daran ausrichten, dass das Gehirn zu Lösungen neigt, die – relativ unabhängig von Informationen – „zu unseren Wünschen passen“ (103). Zwar sind diese Überlegungen in erster Linie auf US‑amerikanische Verhältnisse bezogen, aber in dem der deutschen Ausgabe beigefügten Interview stellt sich Westen auch Fragen nach einer möglichen Übertragbarkeit auf europäische Politik.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.642.22 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Drew Westen: Das politische Gehirn. Frankfurt a. M.: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35878-das-politische-gehirn_42598, veröffentlicht am 27.06.2013. Buch-Nr.: 42598 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA