/ 22.06.2013
André́s Claudio Pennycook Castro
Chilenischer Hafen gegen bolivianisches Erdgas? Wirtschaftliche Interessen, soziale Konstruktionen und innerstaatliche Mobilisierung
Online-Publikation 2011 (http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000009038/Dissertation_Pennycook_Castro.pdf); XVIII, 288 S.Diss. FU Berlin; Begutachtung: T. A. Börzel, A. J. Valderrame. – Anders als in den macht- und interessenbasierten IB-Theorien prognostiziert, kam trotz harmonischer bilateraler Präferenzen der mehrere Jahre zwischen Chile und Bolivien verhandelte und hohe Gewinne versprechende Bau einer Erdgaspipeline nicht zustande. Die Beobachtung, dass das Ergebnis dieser Verhandlungen im Jahre 2002 nicht zu den theoretischen Erwartungen passte, bildet den Ausgangspunkt der Arbeit. Pennycook Castro will „eine Antwort auf dieses empirische Rätsel“ finden, die „zugleich für weitere Fälle anwendbar wäre“ (XV). Wie der Autor bereits früh feststellt, kann der Verhandlungsausgang nicht durch systematische Faktoren oder den Einfluss von Drittländern erklärt werden, sodass er sich in der Arbeit auf die Variation der deklarierten außenpolitischen Präferenzen Boliviens konzentriert. Diese müssten aber vorrangig durch innenpolitische Entwicklungen erklärt werden. Zunächst erfolgt eine Bestandsaufnahme der Ausgangslage: Es gab einen Kooperationsbedarf sowohl auf bolivianischer als auch chilenischer Seite, harmonische Staatenpräferenzen, pluralistische und handlungsfähige Institutionen sowie einen erkennbaren wirtschaftlichen Nutzen für die einflussreiche innerstaatliche Gesellschaftsgruppe Boliviens (ausländische Investoren und einheimische Unternehmerverbände). Um das Scheitern theoretisch erklären zu können, verbindet der Autor Annahmen des Rationalismus (speziell des liberalen Gouvernementalismus) mit denen des Konstruktivismus, indem er davon ausgeht, dass kulturell verankerte Identitätskonstrukte von innenpolitischen Akteuren für eigene Zwecke manipuliert werden können (strategisches Framing). Damit entstehen wachsende Reputationskosten und kognitive Dissonanzen, die ein Scheitern immer wahrscheinlicher werden lassen. Für den speziellen Untersuchungsfall stellt Pennycook Castro heraus, dass die oppositionelle MAS-Partei Boliviens das Identitätskonstrukt „Meereszugangsanspruch“ instrumentalisierte: Chile wurde aufgrund seines Meereszugangs die Schuld an der Unterentwicklung Boliviens gegeben und nationalistische Tendenzen in Bolivien begünstigten ein Scheitern der Verhandlungen. Der Autor betont, dass seine theoretische Erweiterung einen zusätzlichen Erklärungsfaktor für das empirische Rätsel liefern kann.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 4.22 | 2.65
Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: André́s Claudio Pennycook Castro: Chilenischer Hafen gegen bolivianisches Erdgas? 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34720-chilenischer-hafen-gegen-bolivianisches-erdgas_41731, veröffentlicht am 01.03.2012.
Buch-Nr.: 41731
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M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
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