/ 22.06.2013
Mahmood Mamdani
Blinde Retter. Über Darfur, Geopolitik und den Krieg gegen den Terror. Aus dem Englischen übersetzt von Maren Hackmann
Hamburg: Edition Nautilus 2010; 383 S.; brosch., 29,90 €; ISBN 978-3-89401-736-1Mamdani liefert nicht nur eine historisch fundierte Analyse des Darfurkonflikts, sondern auch eine scharfe Kritik der Save Darfur-Bewegung, deren Deutungsangebot den öffentlichen Diskurs über Darfur weitgehend dominiert. Der an der Columbia University lehrende Anthropologe und Politikwissenschaftler zeigt, wie es den Save Darfur-Aktivisten gelungen ist, den Bürgerkrieg im Westen des Sudans entgegen den faktischen Konfliktlinien als einen rassisch motivierten Völkermord darzustellen, den „arabische Täter“ an „afrikanischen Bauern“ (66 ff.) verübten, und so in den globalen Krieg gegen den Terror zu integrieren. Im Gegensatz zu diesem einprägsamen Gut-gegen-Böse-Schema präsentiert die Analyse Mamdanis die Konfliktlage in Darfur als weit komplexer. Der Darfurkonflikt müsse in erster Linie als ein Konflikt um die durch Klimawandel und fortschreitende Desertifikation knapper werdenden Güter Wasser und Land verstanden werden. Daher verliefen die tatsächlichen Konfliktlinien auch nicht zwischen hellhäutigen Arabern und dunkelhäutigen Afrikanern – eine binäre Unterscheidung, die ohnehin erst durch die englische Kolonialmacht konstruiert wurde, sondern zwischen landbesitzenden und landlosen Stämmen unterschiedlicher ethnischer Provenienz. Insofern handele es sich auch nicht um einen Völkermord. Die Analogisierung von Darfur und Ruanda im Diskurs der einflussreichen Save Darfur-Koalition entpuppt sich damit als irreführend und politisch-ideologisch motiviert. Um zu einer politischen Versöhnung zwischen den unterschiedlichen Konfliktparteien zu gelangen, schlägt Mamdani eine „Dreifachlösung“ vor: „Es bedarf eines regional ausgehandelten Friedensschlusses, einer Reform der Machtstrukturen im Nationalstaat Sudan und einer Boden- und Verwaltungsstrukturreform innerhalb Darfurs.“ (21) Das Buch stellt nicht nur die vorherrschende Perspektive auf den Darfurkonflikt infrage, es ist auch eine Aufforderung, sich skeptisch gegenüber möglichen Instrumentalisierungen des Begriffs des Völkermordes zu verhalten und politische Konflikte nicht in den moralischen Begriffen von Gut und Böse zu verhandeln.
Marius Hildebrand (HIL)
M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.67 | 2.25 | 4.41
Empfohlene Zitierweise: Marius Hildebrand, Rezension zu: Mahmood Mamdani: Blinde Retter. Hamburg: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33764-blinde-retter_40446, veröffentlicht am 04.08.2011.
Buch-Nr.: 40446
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M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
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