/ 04.06.2013
Barbara Lippert
Auswärtige Kulturpolitik im Zeichen der Ostpolitik. Verhandlungen mit Moskau 1969-1990
Münster: Lit 1996 (Bonner Beiträge zur Politikwissenschaft 8); XV, 614 S.; 98,80 DM; ISBN 3-8258-3148-5Diss. Bonn; Erstgutachter: H.-A. Jacobsen. – Die auswärtige Kulturpolitik gilt, sieht man von punktuellen Ausnahmen ab, nicht nur in der Politik, sondern auch in der Politikwissenschaft als nachrangig. Lipperts umfangreiche Arbeit macht für die Kulturpolitik gegenüber der Sowjetunion der Jahre 1969 bis 1990 die strukturellen Gründe dieser Nachrangigkeit in der Zeit des Ost-West-Konflikts deutlich, vor allem aber bietet sie eine Analyse der auswärtigen Kulturpolitik im breiteren Kontext der Entspannungspolitik. Nach einer ausführlichen Auseinandersetzung mit den Konzeptionen der bundesdeutschen auswärtigen Kulturpolitik werden die kulturpolitischen Beziehungen zur Sowjetunion sowohl chronologisch als auch in ihren spezifischen Formen vom Jugendaustausch bis hin zu den Städtepartnerschaften untersucht. Dabei wird deutlich, daß die soziokulturellen Beziehungen zur UdSSR bis Mitte der 80er Jahre in die entspannungspolitischen Konzeptionen zunächst der sozialliberalen Koalition, dann der (diesbezüglich weitgehend das Werk ihrer Vorgängerin fortsetzenden) christlich-liberalen Koalition eingepaßt waren. Sie folgten der mit Stichworten wie "Wandel durch Annäherung" nur schwach umrissenen Logik der "neuen" Ostpolitik. Als die vielzitierte dritte Säule der Ostpolitik entsprach die auswärtige Kulturpolitik im wesentlichen der Intention der jeweiligen Bundesregierungen, die Abschottung der staatssozialistischen Führungsmacht durch Kommunikation und Verdichtung der Beziehungen zu durchbrechen. Für weitergehende Ziele blieb in diesem Rahmen, nicht zuletzt wegen der Skepsis auf sowjetischer Seite, wenig Raum. Erst die Reformpolitik Gorbatschows leitete ab 1987/88 jene kooperative Ausprägung der Kulturbeziehungen ein, die bis in die Gegenwart bestimmend geblieben ist.
Lipperts Arbeit überzeugt neben der umfassenden Recherche durch ihre theoriegeleitete Analyse, wobei die Konzepte der antagonistischen Kooperation und des pluralistischen Sicherheitssystems originell verbunden werden. Durch die breite Diskussion der Rahmenbedingungen knüpft sie zudem an die seit dem Umbruch in Osteuropa neu entfachte Debatte über die bundesdeutsche Ostpolitik an. Deren Stärken und Defizite in einer wohltuend differenzierten Art und Weise gegenüberstellend, verhehlt die Verfasserin – hier ihrem Doktorvater folgend – ihre Präferenz für die entspannungspolitische "Wende" in der auswärtigen Kulturpolitik nicht.
Michael Edinger (ME)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
Rubrizierung: 4.21
Empfohlene Zitierweise: Michael Edinger, Rezension zu: Barbara Lippert: Auswärtige Kulturpolitik im Zeichen der Ostpolitik. Münster: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4492-auswaertige-kulturpolitik-im-zeichen-der-ostpolitik_6303, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 6303
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
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