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/ 21.06.2013
Nilüfer Göle

Anverwandlungen. Der Islam in Europa zwischen Kopftuchverbot und Extremismus. Aus dem Französischen von Ursel Schäfer

Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2008 (Politik bei Wagenbach); 159 S.; 10,90 €; ISBN 978-3-8031-2598-9
Göle nimmt eine Analyse der Anschläge vom 11. September 2001 und die Verflechtung der Attentäter mit der westlichen Zivilisation als Ausgangspunkt, um aufzuzeigen, dass die Annahme, der Westen stehe für die Moderne und der islamische Osten für Rückständigkeit, unzutreffend ist. In sieben Essays versucht sie, Antworten auf verschiedene aktuelle Aspekte des komplexen Verhältnisses zwischen Europa und der Türkei zu finden. Letztere repräsentiert für sie ein gänzlich anderes Bild des Islam, als es Al Kaida propagiert oder in der Rede vom Kampf der Kulturen gezeichnet wird. Sie konstatiert eine Türkei, die sich – bei aller berechtigten Kritik – insgesamt kontinuierlich auf Europa zu bewegt, während das politische Europa skeptisch bleibt, ohne die Heterogenität der türkischen Gesellschaft wahrzunehmen. Der Islam ist für die Autorin eine „Herausforderung für die Art, wie wir die säkulare Moderne in Europa denken, eine Herausforderung, der wir uns gern entziehen, indem wir sie auf Fragen von Zuwanderung, Wirtschaft oder Sicherheit verschieben“ (8). Für sie hängt die politische Zukunft Europas davon ab, „ob es gelingt, die Muslime Europas genauso zu integrieren wie die Bürger der ehemals kommunistischen Staaten“ (9). Die Türkei sieht sie hier in einer Schlüsselrolle, könnte das Land doch zu einem Modell für die Überwindung des Konflikts werden, ein Grenzgänger zwischen Islam und westlicher Welt. Göles Reflexionen, zum Beispiel über das Verhältnis von neuem Märtyrertum, Islamismus und Globalisierung, sind eher philosophische Auslassungen denn durch empirische Belege abgesicherte Erkenntnisse. Dennoch gibt die Autorin erfrischende Anstöße: Für sie wird „die Begegnung zwischen Islam und Europa von dem Gefühl begleitet, an Reinheit und Authenzität zu verlieren“ (57). Daher fordert sie einen Prozess der „wechselseitigen Anverwandlung“ (59) und ein neues Nachdenken über die europäische Identität.
Jan Schedler (JS)
Diplom-Sozialwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Fakultät für Sozialwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum.
Rubrizierung: 2.632.232.272.61 Empfohlene Zitierweise: Jan Schedler, Rezension zu: Nilüfer Göle: Anverwandlungen. Berlin: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29871-anverwandlungen_35389, veröffentlicht am 09.12.2008. Buch-Nr.: 35389 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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