/ 22.06.2013
Jan Ingo Grüner
Ankunft in Deutschland. Die Intellektuellen und die Berliner Republik 1998-2006
Berlin-Brandenburg: be.bra wissenschaft verlag GmbH 2012; 328 S.; pb., 30,- €; ISBN 978-3-95410-004-0Geschichtswiss. Diss. FU Berlin; Begutachtung: P. Nolte, A. Bauerkämper. – Wie halten es die in der Öffentlichkeit auftretenden Intellektuellen mit der Berliner Republik? Wo ist ihr Diskurs über das nationale Selbstverständnis zu verorten – herrscht eher Sprachlosigkeit oder hebt in der Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung und dem Umzug der Regierung nach Berlin eine selbstbewusste, vielstimmige Diskussion über das an, was Deutschland mit Blick auf sich selbst und auf seine Rolle in der Welt zu sein beansprucht? Grüner stellt in seiner Studie die Beschreibung und Analyse jener Debatten in den Mittelpunkt, „die in Deutschland bei Anbruch der Berliner Republik wesentlich waren“ (11). Und so lässt er für seinen Untersuchungszeitraum – von 1998 bis 2006 – eine Reihe von Debatten und Kontroversen Revue passieren, die er für die spezifische Stimmungslage in Berlin am Ende der 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts für typisch hält. Das „Provisorische, das Unfertige, das Experimentelle, und, damit verbunden, auch das Zukünftige“ (55) sind dabei allesamt Chiffren für eine Situation, in der es um Neu- beziehungsweise Umorientierung, in der es mithin um Wandel und die Auseinandersetzung mit ihm geht. Neben der Debatte um das Holocaust-Mahnmal in Berlin, der Frage der Aufarbeitung von DDR-Unrecht und der nach der Rolle der Bundeswehr im Ausland geht es – zum Ende des Bandes – auch um jenes Fußball-Sommermärchen 2006, in dessen Folge sich Deutschland ein entspannteres Verhältnis zu Patriotismus und Nationalismus bescheinigte. Insgesamt kommt Grüner so zu dem Schluss, dass der Bruch im Selbstverständnis Deutschlands nach 1989 und auch nach dem Regierungsumzug nach Berlin so groß nicht gewesen sei. Eher habe die Debatte Sachzwängen und historischen Notwendigkeiten Platz machen müssen, sodass auch die Rolle der Intellektuellen – im Vergleich etwa zu den 1970er-Jahren – versachlicht worden sei. Bundeswehreinsätze im Ausland, DDR-Unrecht, Naziterror, neuer Nationalismus und eine nach wie vor nicht gelöste Integrationsdebatte – alles Sachzwänge und vom Gang der Ereignisse diktiert? Das wäre dann doch eine sehr konservative – um nicht zu sagen: blauäugige – Interpretation, die den Einfluss subtiler Machtausübung (siehe Bourdieu, Foucault, Mouffe, Gramsci, um nur einige zu nennen) radikal verkennt.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.331 | 2.35 | 4.21
Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Jan Ingo Grüner: Ankunft in Deutschland. Berlin-Brandenburg: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35352-ankunft-in-deutschland_42592, veröffentlicht am 18.10.2012.
Buch-Nr.: 42592
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Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
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