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/ 05.06.2013
Marcel Pott

Allahs falsche Propheten. Die Arabische Welt in der Krise

Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag 1999; 351 S.; geb., 42,- DM; ISBN 3-7857-0965-X
In den deutschen Medien sind einige Journalisten tätig, die als sogenannte "Experten" zu Fragen des Nahen Ostens Bücher verfaßt haben und in Talkshows auftreten. Leider verhält es sich mit der Qualität ihrer Expertise genau reziprok zur Quantität ihrer Medienpräsenz: Sie bedienen vorhandene Vorurteile und schüren anzutreffende Unsicherheiten und Ängste, die vor allem islamistische Strömungen in den arabischen Ländern betreffen. Offensichtlich scheint es sich bei der oberflächlichen und zum Teil ignoranten Berichterstattung aus dem Nahen Osten um eine Berufskrankheit zu handeln, denn auch das vorliegende Buch, bei dessen Autor es sich um den langjährigen Leiter des ARD-Studios in Beirut und Amman handelt, krankt an unzulässigen Vereinfachungen und unbelegten Behauptungen, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Denn Pott warnt nicht vor dem Islam, sondern er verurteilt die amerikanische und israelische Politik in der Region, allerdings dermaßen grob und schlicht, wie es einem der Recherche verpflichteten Journalisten nicht unterlaufen dürfte: Die USA setzen nicht die "Fremdbestimmung der Araber" fort und sie haben auch keine "Hegemonie über arabische Gebiete und die Gewässer am Persischen Golf" errichtet (333). Auch die Bezugnahme auf den Imperialismus zur Beschreibung der amerikanischen Politik ist schlicht übertrieben. Dabei hat das Buch durchaus lobenswerte Aspekte. So macht sich der Autor insofern verdient, indem er vor der Wahrnehmung eines homogenen, radikalisierten Islam warnt und statt dessen für eine differenzierte Annäherung an das Phänomen des Islamismus wirbt. Richtig charakterisiert er diese Bewegung als Vertreterin sozial benachteiligter Gruppen, die im Modernisierungsprozeß ihrer Länder bzw. in der westlichen Moderne eine Gefahr sehen. Allerdings kann die westliche Reaktion, wie Pott postuliert, sich nicht darin erschöpfen, daß auch wir uns darauf besinnen, "daß die westliche Gesellschaft tatsächlich an Problemen leidet, die ursächlich auf gewisse Aspekte der Moderne zurückgehen" (337). Dieser moralische Impetus durchzieht und verdirbt leider das gesamte Buch. So ersetzt der Autor die politische Analyse durch die Frage nach der Gerechtigkeit in den staatlichen Beziehungen im Nahen Osten. Nur führt diese weder in dieser Region noch in den internationalen Beziehungen generell zu fruchtbaren Schlußfolgerungen. Statt dessen erschöpft sich der Autor im Schlußwort in der andauernden Formulierung, daß einzelne Akteure in einer bestimmten Art und Weise handeln müßten. Hier hat dann die moralische Selbstgewißheit vollends über die analytische Fähigkeit des Autors gesiegt.
Markus Kaim (MK)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
Rubrizierung: 2.632.23 Empfohlene Zitierweise: Markus Kaim, Rezension zu: Marcel Pott: Allahs falsche Propheten. Bergisch Gladbach: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7982-allahs-falsche-propheten_10575, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10575 Rezension drucken
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