/ 22.06.2013
Matthew P. Berg / Maria Mesner (Hrsg.)
After Fascism: European Case Studies in Politics, Society, and Identity since 1945
Wien/Berlin: Lit 2009 (Kreisky Archiv); 261 S.; brosch., 29,90 €; ISBN 978-3-643-50018-2Die Autoren fragen, wie in verschiedenen europäischen Gesellschaften mit den Erfahrungen des Faschismus umgegangen wurde. Dabei wählen sie in jedem Aufsatz einen eigenen methodischen Zugriff und nehmen unterschiedliche thematische Fokussierungen vom Alttagsleben über Bildungsreformen oder internationale Beziehungen vor. Christoph Jahr diskutiert die Bemühungen in Westdeutschland, Antisemitismus per Gesetz zu verbieten, und deren Auswirkungen auf die politische Kultur bis in die 60er-Jahre. Die Juden selbst, betont der Autor, fehlten bei diesen Diskussionen völlig. Der Kampf gegen den Antisemitismus sei wenn überhaupt aus utilitaristischen, politischen Erwägungen geführt worden, mit Empathie für die Opfer habe dies nur sehr wenig zu tun gehabt. Zudem werde in den Diskussionen der Zeit deutlich, dass je mehr man sich auf Prävention konzentriere, die Strafgesetzgebung dazu tendiere, Überzeugungen anstelle von Handlungen zu verfolgen, so der Autor. Dies sei jedoch mit den Prinzipien liberaler Demokratien nicht vereinbar. Abschließend stellt Jahr nicht ohne Bedeutung auch für heutige Tage heraus: „The perception of ‚Germans’ and ‚Jews’ as two separate communities remains a legacy of both antisemitic agitation and the self-victimization that has characterized the German debate on ‚coming to terms with the past’” (101). Sabine Manke widmet sich ebenfalls einem Stück Politikgeschichte der Bundesrepublik. Sie betrachtet die Kontexte der Bundestagsdebatte über den Misstrauensantrag der CSU gegen Bundeskanzler Willy Brandt in den Anfängen der Ostpolitik. In jenen Tagen des späten April 1972 habe der Bundeskanzler zehntausende Briefe, Postkarten und Telegramme erhalten, von denen die Autorin einige exemplarisch untersucht. Die Unterstützerbriefe für Brandt zeigten eine quasi-religiöse Erwartungshaltung, die sich von der Politik Brandts eine Befreiung von der historischen Last versprochen habe. Manke betont die Bedeutung des Vorgangs für die politische Kultur, Brandt habe sowohl zur Vergangenheitsbewältigung als auch zur Bildung einer neuen deutschen Identität beigetragen. Der Band geht auf eine Konferenz an der Universität Wien im Jahr 2005 zurück.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.23 | 2.35 | 2.61 | 2.4 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Matthew P. Berg / Maria Mesner (Hrsg.): After Fascism: European Case Studies in Politics, Society, and Identity since 1945 Wien/Berlin: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31956-after-fascism-european-case-studies-in-politics-society-and-identity-since-1945_38110, veröffentlicht am 28.04.2010.
Buch-Nr.: 38110
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Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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