/ 11.06.2013
Heribert Ostendorf
Wieviel Strafe braucht die Gesellschaft? Plädoyer für eine soziale Strafrechtspflege
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2000; 219 S.; ISBN 3-7890-6494-7Der Autor muss wissen, wovon er spricht: Als ehemaliger Jugendrichter und vor allem als ehemaliger Generalstaatsanwalt von Schleswig-Holstein oblag ihm in besonderer Weise die Aufgabe, Straftäter ihrer Bestrafung zuzuführen. Allein, schon der Untertitel signalisiert, hier herrscht keine Dominanz eindimensionalen repressiven Denkens. Ganz im Gegenteil, im Anblick des von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen längst festgestellten begrenzten generalpräventiven Effekts von Strafe sowie unter...
Heribert Ostendorf
Wieviel Strafe braucht die Gesellschaft? Plädoyer für eine soziale Strafrechtspflege
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2000; 219 S.; brosch., 68,- DM; ISBN 3-7890-6494-7Der Autor muss wissen, wovon er spricht: Als ehemaliger Jugendrichter und vor allem als ehemaliger Generalstaatsanwalt von Schleswig-Holstein oblag ihm in besonderer Weise die Aufgabe, Straftäter ihrer Bestrafung zuzuführen. Allein, schon der Untertitel signalisiert, hier herrscht keine Dominanz eindimensionalen repressiven Denkens. Ganz im Gegenteil, im Anblick des von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen längst festgestellten begrenzten generalpräventiven Effekts von Strafe sowie unter Berücksichtigung deren ebenfalls kaum Euphorie provozierenden Nutzens für die Resozialisierung einerseits und in Verpflichtung der durch das Grundgesetz - Sozialstaatgebot, Menschenwürde, Freizügigkeit - vorgegebenen und durch das Bundesverfassungsgericht gestärkten Gebots zur Humanität andererseits, vertritt der Autor einen fortschrittlichen, aufgeklärten Standpunkt. Strafe ist die bewusste Übelzufügung; sie darf daher nur als ultima ratio - selbst dann nur in einer humanen Variante - zur Anwendung gelangen. Wider diese Einordnung und konträr zu den Ergebnissen von Effektivitätsanalysen ist - so Ostendorf - "geradezu eine Straflüsternheit ausgebrochen", rufen Medien und Politiker nach härteren Strafen, haben sich die Todesstrafe befürwortende Stimmen in der Bevölkerung vermehrt. "Der Straftäter soll wie im Mittelalter [...] gebrandmarkt werden, auf Dauer als Straftäter erkennbar sein. [...] Gleichzeitig wird mit dem Wegsperren von den gesellschaftlichen Ursachen" (11) der Kriminalität abgelenkt. Mehr Strafe ist aber nicht nur nutzlos und moralisch fragwürdig, die "innerstaatliche Aufrüstung" bedroht auch zunehmend den "freiheitliche[n] Charakter unseres Staatswesens" (19). Die Frage lautet daher, wieviel Strafe der Staat benötigt, um seine Bevölkerung zu schützen und wieviel er sich leisten kann, ohne "seine Grundwerte, seine Prinzipien einer freiheitlichen Verfassung aufzugeben" (20). Diese Fragen und alternativen Sanktionen diskutiert Ostendorf im Kontext verschiedener aktueller Kriminalitätsformen.
Inhalt: Wieviel Strafe braucht die Gesellschaft?; Drogensüchtige brauchen Hilfe, keine Strafen!; Schwerpunktsetzung in der Strafverfolgung bei der Kriminalität der Mächtigen; Mehr die positiven Wirkungen des Strafrechts nutzen!; Die Öffentlichkeit als Strafe - mehr Strafe durch Court-TV?; Streitkultur im Strafprozeß; Opfer von Straftaten - von den Strafverfolgungsbehörden lange vergessen, heute neu entdeckt; Opferschutz in Verfahren wegen sexuellen Mißbrauchs von Kindern; Ambulante Maßnahmen versus stationäre Sanktionen oder Weiterführung der Reform von unten im Jugendstrafrecht; Bilanz der Diversion; Elternverantwortung neu einfordern - aber wie?; Intensive Betreuung als Alternative zur geschlossenen Heimunterbringung; Abkürzung der Strafverfahren - ja, Strafkompetenz für die Polizei - nein!; Neue repressive Sanktionen: Arbeitsstrafe, Allgemeines Fahrverbot, Elektronisch überwachter Hausarrest oder der dritte Weg zwischen Geld- und Freiheitsstrafe?; Zwei Interventionskonzepte gegen Gewalt und Kriminalität; Wachsende Kriminalität - härter zupacken?
Detlef Lemke (Le)
Dipl.-Politologe.
Rubrizierung: 2.343
Empfohlene Zitierweise: Detlef Lemke, Rezension zu: Heribert Ostendorf: Wieviel Strafe braucht die Gesellschaft? Baden-Baden: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12691-wieviel-strafe-braucht-die-gesellschaft_15174, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 15174
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