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/ 11.06.2013
Hannah Arendt

Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher. Beiträge für die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung "Aufbau" 1941-1945. Hrsg. von Marie Luise Knott

München/Zürich: Piper 2000; 244 S.; geb., 20,35 €; ISBN 3-492-04094-2
Der Band versammelt die Beiträge, die Arendt als Kolumnistin und Mitarbeiterin für den "Aufbau" in den Jahren 1941 bis 1945 geschrieben hat. In ihrer Einleitung unterstreicht Knott den Stellenwert des "Aufbaus" als "Sprachrohr, Sammelbecken und Forum aller deutschsprachigen Juden in der 'freien' Welt" (9). Und in diesem Organ vertrat Arendt eine deutlich hörbare - wenn auch keinesfalls immer von Redaktion und Publikum geteilte - Stimme. Die Studentin der Philosophie, die über den Liebesbegriff b...
Hannah Arendt

Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher. Beiträge für die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung "Aufbau" 1941-1945. Hrsg. von Marie Luise Knott

München/Zürich: Piper 2000; 244 S.; geb., 20,35 €; ISBN 3-492-04094-2
Der Band versammelt die Beiträge, die Arendt als Kolumnistin und Mitarbeiterin für den "Aufbau" in den Jahren 1941 bis 1945 geschrieben hat. In ihrer Einleitung unterstreicht Knott den Stellenwert des "Aufbaus" als "Sprachrohr, Sammelbecken und Forum aller deutschsprachigen Juden in der 'freien' Welt" (9). Und in diesem Organ vertrat Arendt eine deutlich hörbare - wenn auch keinesfalls immer von Redaktion und Publikum geteilte - Stimme. Die Studentin der Philosophie, die über den Liebesbegriff bei Augustinus promoviert hatte, wandelt sich im Laufe der Vierzigerjahre durch die eigene Verfolgung, Emigration und Arbeit in diversen jüdischen Gruppierungen zur politisch aktiven Kämpferin, deren wiederkehrendes Thema nicht zufällig in der Forderung nach Aufstellung einer jüdischen Armee zu entdecken ist. Arendts Kommentare, Kolumnen und Briefe geben schon Zeugnis von der Originalität, der Scharfsinnigkeit und Weitsicht ihrer späteren Analysen. Gleichzeitig findet sich ein ausgeprägt ironischer, zugespitzter und apodiktischer Stil. Knott bilanziert in diesem Sinne "Hellsichtigkeiten ebenso wie Blindheiten" (10), die Ahrendts Beiträge kennzeichneten. Das Themenrepertoire reicht von der jüdischen Armee ("Die jüdische Armee - der Beginn einer jüdischen Politik?") (1941 [20-23]) über "Die Rückkehr des russischen Judentums" (1942 [83-93]) und "Die Krise des Zionismus" (1942 [94-104]) bis hin zu "Völkerverständigung im Nahen Osten - eine Basis jüdischer Politik" (1945 [177-180]). Knott hat die Texte auf der Basis ihrer Recherchen in diversen Archiven (vor allem der Arendt-Abteilung der Library of Congress) allesamt mit erläuternden Fußnoten versehen und schließlich einen äußerst interessanten Brief an Erich Cohn-Bendit zur "Minderheitenfrage" (225-234) aus dem Jahre 1940 beigefügt, der die auch in den Beiträgen schon aufschimmernden Eckpunkte des arendtschen Denkens nochmals in ihrer politischen Relevanz deutet: Das Paria-Dasein, die Bedeutung freien Handelns, die Situation der Staatenlosen oder die Gesetzmäßigkeiten totaler Herrschaft. In ihrem ausführlichen Nachwort geht Knott auf den Lebensweg Arendts vor und während ihrer Mitarbeit beim "Aufbau" ein und beleuchtet vor allem auch ihr spannungsreiches Verhältnis zu verschiedenen jüdischen Parteiungen und Komitees. Vor diesem Hintergrund ist wiederum einiges zum besseren Verständnis auch ihres späteren Buches zu "Eichmann in Jerusalem" zu finden.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 5.42.252.632.3122.23 Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Hannah Arendt: Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher. München/Zürich: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13069-vor-antisemitismus-ist-man-nur-noch-auf-dem-monde-sicher_15658, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 15658 Rezension drucken
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