/ 12.06.2013
Oleg Dehl
Verratene Ideale. Zur Geschichte deutscher Emigranten in der Sowjetunion in den 30er Jahren. Mit einem Beitrag von Simone Barck über eine unbekannte Bibliographie der Moskauer "Deutschen Zentral-Zeitung". Mit einem Nachwort hrsg. von Ulla Plener
Berlin: trafo verlag dr. wolfgang weist 2000 (Gesellschaft - Geschichte - Gegenwart 25); 393 S.; 25,46 €; ISBN 3-89626-229-7Die deutsche Emigration nach Westeuropa und in die Vereinigten Staaten ist schon längere Zeit ein starkes Forschungsfeld. Das Pendant dazu, Flucht und Vertreibung meist linker Arbeiter und Parteifunktionäre in die Sowjetunion, wurde dagegen lange Zeit eher stiefmütterlich behandelt. Mit einer massiven Publikation von Quellenmaterial, begleitet von analytischen Essays, versuchen die Autoren diesen Missstand etwas auszugleichen. Dehl unternimmt einen historischen Abriss der deutschen Emigration in...
Oleg Dehl
Verratene Ideale. Zur Geschichte deutscher Emigranten in der Sowjetunion in den 30er Jahren. Mit einem Beitrag von Simone Barck über eine unbekannte Bibliographie der Moskauer "Deutschen Zentral-Zeitung". Mit einem Nachwort hrsg. von Ulla Plener
Berlin: trafo verlag dr. wolfgang weist 2000 (Gesellschaft - Geschichte - Gegenwart 25); 393 S.; 25,46 €; ISBN 3-89626-229-7Die deutsche Emigration nach Westeuropa und in die Vereinigten Staaten ist schon längere Zeit ein starkes Forschungsfeld. Das Pendant dazu, Flucht und Vertreibung meist linker Arbeiter und Parteifunktionäre in die Sowjetunion, wurde dagegen lange Zeit eher stiefmütterlich behandelt. Mit einer massiven Publikation von Quellenmaterial, begleitet von analytischen Essays, versuchen die Autoren diesen Missstand etwas auszugleichen. Dehl unternimmt einen historischen Abriss der deutschen Emigration in die Sowjetunion seit 1917 bis Ende der 30er-Jahre. Er kontrastiert Arbeitsmigration und politische Emigration und beschreibt, wie mit der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten viele Arbeitsmigranten plötzlich zu politischen Flüchtlingen wurden. Dabei verliert er aber auch die Rolle der Politik der Sowjetunion gegenüber den Migranten nicht aus den Augen, die anfangs die Fähigkeiten der Flüchtlinge zum Aufbau der neuen Gesellschaftsordnung nutzen wollte, in den 30er-Jahren aber zunehmend zu Misstrauen und repressiven Maßnahmen überging. Die Hintergründe für den Umschlag der Politik nehmen anschließend Dehl, Mussienko und Plener näher unter die Lupe. Dabei führen Sie erschreckende Dokumente an: "Es wäre keineswegs übertrieben zu sagen, daß jeder außerhalb Japans lebende Japaner ein Spion ist, ebenso wie jeder deutsche Bürger, der im Ausland lebt, für die Gestapo arbeitet." (172) So zitieren sie eine Moskauer Zeitung von 1938. Die Auswirkungen dieser Politik des Misstrauens zeigen sie anhand der Maßnahmen, die gegen "die konterrevolutionäre faschistische Spionageorganisation Hitlerjugend" (174) eingeleitet wurden, die sich angeblich in Moskau gebildet hatte - natürlich auch eine Fälschung der Partei. Schließlich untersucht Dehl Geschichte und Bedeutung der Deutschen Zentral-Zeitung in Moskau. Auch an dieser Quelle spiegelt sich das Schicksal der deutschen Emigranten, spiegelt sich vor allem der Wandel der sowjetischen Politik gegenüber den Einwanderern Mitte der 30er-Jahre, der schließlich 1939 zur Einstellung der Publikation führt. Zu allen behandelten Themenkomplexen enthält der Band umfassende Originaldokumente, sodass der Leser sich nicht allein auf die Interpretationen und Analysen der Autoren verlassen muss, sondern einen Anhaltspunkt für eigene weiterführende Studien erhält.
Markus Lang (ML)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.62 | 2.312 | 2.25
Empfohlene Zitierweise: Markus Lang, Rezension zu: Oleg Dehl: Verratene Ideale. Berlin: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13756-verratene-ideale_16488, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 16488
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Dr., Politikwissenschaftler.
CC-BY-NC-SA