/ 11.06.2013
Kurt H. Biedenkopf
1989-1990. Ein deutsches Tagebuch
Berlin: Siedler Verlag 2000; 456 S.; Ln., 25,51 €; ISBN 3-88680-712-6Das Tagebuch reicht vom 16. Juni 1989 nach dem Besuch Gorbatschows in der Bundesrepublik bis zur ersten Sitzung des gesamtdeutschen Bundesrates am 9. November 1990. Für Biedenkopf war diese Zeit mit vielerlei Funktionen und Wahrnehmungen verbunden. Sie beginnt im Bonner Bundestag und im Bundesvorstand der CDU, führt über eine Gastprofessur an der Universität Leipzig und schließt mit dem Amt des mit glänzendem Ergebnis gewählten Ministerpräsidenten Sachsens. Tagebuch, so Biedenkopf, führe er scho...
Kurt H. Biedenkopf
1989-1990. Ein deutsches Tagebuch
Berlin: Siedler Verlag 2000; 456 S.; Ln., 25,51 €; ISBN 3-88680-712-6Das Tagebuch reicht vom 16. Juni 1989 nach dem Besuch Gorbatschows in der Bundesrepublik bis zur ersten Sitzung des gesamtdeutschen Bundesrates am 9. November 1990. Für Biedenkopf war diese Zeit mit vielerlei Funktionen und Wahrnehmungen verbunden. Sie beginnt im Bonner Bundestag und im Bundesvorstand der CDU, führt über eine Gastprofessur an der Universität Leipzig und schließt mit dem Amt des mit glänzendem Ergebnis gewählten Ministerpräsidenten Sachsens. Tagebuch, so Biedenkopf, führe er schon seit längerem: "Es dient mir als Chronik meiner Arbeit und dessen, was ich dabei erlebe und was mich beschäftigt. Zugleich ist es eine Art Notizbuch für Anmerkungen, Entwürfe oder Überlegungen geworden, aus denen später häufig Aufsätze, Reden oder Texte entstanden, die zur Klärung politischer Fragen beitragen sollten." (9) Das hier vorliegende Manuskript habe er aufgrund handschriftlicher Aufzeichnungen 1991 diktiert, ohne es zu verändern. Fritz Stern und Erich Loest hätten ihn schließlich ermuntert, das Manuskript als Buch zu veröffentlichen und ihm bei der Bearbeitung geholfen. Neben den deutsch-deutschen Entwicklungen umfasst der Berichtszeitraum des Tagebuchs auch die innerparteilichen Auseinandersetzungen in der Führung der CDU, die sich auf dem Bremer Parteitag - letztlich erfolglos - gegen Helmut Kohl wandten. Biedenkopf zeigt sich an einigen Stellen unzufrieden mit der Führung der Partei und spricht u. a. von "Provinzialismus" (20) und Enttäuschung über die Behandlung einiger Fragen durch die Bundesregierung. Schon am 1. September 1989 schreibt er: "Wir sind nicht mehr in der Lage, selbst historischen Ereignissen von einzigartiger Bedeutung zu entsprechen. Wie Mehltau legt sich Mittelmäßigkeit übers Land. Die Macht und die Pfründe sind zum alles bestimmenden Kriterium geworden." (21) Seine Kritik an einigen Personen verheimlicht er dabei kaum. So schreibt er nach der Rede Kohls in Berlin am 11. November: "Was hätte man zu diesem Anlass alles sagen und bewegen können! Stattdessen eine überforderte Stimme, angestrengt und schon deshalb nicht überzeugend. Ohne wirklichen Kontakt zu den Menschen, die doch bereit sind, sich in Besitz nehmen zu lassen durch die Größe des Ereignisses, das sie zusammenführte. Kohl sprach zu lange, war voller Wiederholungen und Plattitüden. Er verfehlte die Gefühle der Menschen und brachte den Staatsmann nicht rüber." (37) An anderer Stelle konstatiert er, Kohl habe "weder die Größe noch die Weitsicht" (112) gehabt, die SPD zu Beginn des Jahres 1990 in den deutschlandpolitischen Kurs der Bundesregierung einzubeziehen.
Die Dramatik und Unvorhersehbarkeit der damaligen Ereignisse tritt in Biedenkopfs Schilderung deutlich zutage und auch er ist nicht vor Fehldeutungen gefeit. Ende November 1989 stellte er sich dann die Frage "was ich zur Gesundung der DDR beitragen könnte" (46) und kommt auf Hilfe in wirtschaftspolitischem Gebiet durch eine Lehrtätigkeit an der Uni Leipzig. Gerade die wirtschaftspolitischen Weichenstellungen des Einigungsprozesses begleitet und erfährt Biedenkopf in der Folge durch zahlreiche Beraterrunden, Begegnungen und Eintragungen. Biedenkopfs Berichte aus Sitzungen (vor allem des CDU-Bundesvorstands) und Treffen sind gelegentlich sehr detailliert und geben interessante Einblicke in Detailfragen, die hinter den Kulissen geklärt wurden. Starken Anteil nimmt er auch an der Entwicklung der nordrhein-westfälischen Landes-CDU, deren personelle und inhaltliche Ausrichtung er kontinuierlich kommentiert. Der letztendliche Wechsel vom Professor zum Ministerpräsidenten wird inklusive des Vorlaufs einer möglichen Kandidatur Heiner Geißlers und der Involvierung Lothar Späths näher beschrieben. Kohl habe zu Beginn deutlichen Widerstand gegen Biedenkopf zu erkennen gegeben, ihn aber nach der Entscheidung der sächsischen CDU im Wahlkampf unterstützt. Biedenkopf konnte in der Arbeit als Wahlkämpfer und dann als Ministerpräsident nach eigenem Bekunden in vielem "nahtlos" (305) an seine Reden und Vorlesungen anknüpfen. Am 27. August 1990 notiert er: "Eine Genugtuung habe ich. Ich werde nun wohl doch Ministerpräsident werden, wenn auch nicht in NRW." (310)
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.3 | 2.315 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Kurt H. Biedenkopf: 1989-1990. Berlin: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13076-1989-1990_15665, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 15665
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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