/ 12.06.2013
Ulrich Mohr
Politische Auffassungen und deutschlandpolitisches Wirken Johann Baptist Gradls
Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2000 (Europäische Hochschulschriften: Reihe III, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 872); 337 S.; brosch., 45,50 €; ISBN 3-631-36625-6Diss. Hannover. - Gradl hatte Prinzipien, Überzeugungen und politische Leidenschaft. Wie die meisten Politiker der Nachkriegszeit hatte er erste politische Erfahrungen in der Weimarer Republik gemacht und sich während des Dritten Reiches aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Nach dem Ende des Krieges wirkte er an der Gründung und dem Aufbau der CDU in Berlin mit und gehörte von nun an zu den Christdemokraten um Jakob Kaiser. Bis zum Ende seines Lebens kannte Gradls nur ein Ziel: die Wiederve...
Ulrich Mohr
Politische Auffassungen und deutschlandpolitisches Wirken Johann Baptist Gradls
Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2000 (Europäische Hochschulschriften: Reihe III, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 872); 337 S.; brosch., 45,50 €; ISBN 3-631-36625-6Diss. Hannover. - Gradl hatte Prinzipien, Überzeugungen und politische Leidenschaft. Wie die meisten Politiker der Nachkriegszeit hatte er erste politische Erfahrungen in der Weimarer Republik gemacht und sich während des Dritten Reiches aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Nach dem Ende des Krieges wirkte er an der Gründung und dem Aufbau der CDU in Berlin mit und gehörte von nun an zu den Christdemokraten um Jakob Kaiser. Bis zum Ende seines Lebens kannte Gradls nur ein Ziel: die Wiedervereinigung Deutschlands. Deshalb gehörte er zu den "erklärtesten Befürworter[n] einer modifizierten Prioritätensetzung, einer Akzentverschiebung zugunsten der Wiedervereinigungspolitik gegenüber Adenauer" (11).
Mohrs Studie ist keine Biographie. Es gibt kein Foto des Politikers, keinen Lebenslauf; persönliche oder familiäre Hintergründe und Prägungen werden nicht erwähnt. Dem Autor geht es darum, "am Beispiel der Wirkungsgeschichte Johann Baptist Gradls die Existenz einer alternativen, stärker an nationalen Wertigkeiten orientierten Generallinie sichtbar zu machen" (11). In diesem Zusammenhang geraten auch die zahlreichen Organisationen in den Blick, in denen sich Gradls über Jahrzehnte engagierte. Dazu gehörten der Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands, die Exil-CDU und das Kuratorium Unteilbares Deutschland, eine parteiübergreifende Initiative. Wenn es um sein Ziel, die Wiedervereinigung, ging, konnte Gradls sehr beweglich sein und neue Wege gehen oder gar zum Grenzgänger, über Parteigrenzen hinweg, werden, was ihm in der eigenen Partei gelegentlich übel genommen wurde. Obwohl er sich als erbitterter Gegner der SED verstand, unterstützte er trotz aller Vorbehalte die Entspannungspolitik und trug bereits in den Sechzigerjahren dazu bei, die deutschlandpolitische Stagnation zu überwinden. Dabei war er stets "zwischen dem Wunsch nach deutschlandpolitischer Bewegung und dem weiterhin bestehenden Misstrauen gegenüber dem Ost-Berliner Regime hin- und hergerissen" (240).
"So begriff er sich mit seinem Beharren auf der Überwindung der deutschen Teilung im eigenen Land zunehmend als Exot, registrierte mit Missfallen, von Gesprächspartnern mitunter als Illusionist gekennzeichnet zu werden." (226) Am Ende war von der aktiven Wiedervereinigungspolitik der fünfziger Jahre nur noch eine "nationalpolitische Pädagogik" geblieben, für die sich Gradl allerdings bis zuletzt einsetzte, um das "Gefühl der Zusammengehörigkeit am Leben zu erhalten" (310). Seine Rede am 17. Juni 1981 im Deutschen Bundestag schloss er mit dem an die Menschen in der DDR gerichteten Satz: "Wir gehören zu euch, und ihr gehört zu uns." Das Ziel seines politischen Wirkens, die deutsche Einheit, erlebte er nicht mehr. Ein Jahr bevor der Status quo in Europa ins Rutschen kam, starb Johann Baptist Gradl.
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 2.3 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Ulrich Mohr: Politische Auffassungen und deutschlandpolitisches Wirken Johann Baptist Gradls Frankfurt a. M. u. a.: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13803-politische-auffassungen-und-deutschlandpolitisches-wirken-johann-baptist-gradls_16546, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 16546
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Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
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