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/ 12.06.2013
Richard Münch

Offene Räume. Soziale Integration diesseits und jenseits des Nationalstaats

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2001 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1515); 319 S.; kart., 12,73 €; ISBN 3-518-29115-7
Wie ist soziale Integration in der Globalisierung möglich? Welche neuen Formen der grenzüberschreitenden Solidarität können sich jenseits des nationalen Wohlfahrtsstaats entwickeln? Diesen Fragen geht Münch, Professor für Soziologie an der Universität Bamberg, in der Aufsatz-Sammlung nach, wobei er "die aktuelle Relevanz der soziologischen Klassiker für die Interpretation und Erklärung der Prozesse transnationaler Vergesellschaftung" aufzeigen will (7). Die Thesen der Aufsätze werden in einem ab...
Richard Münch

Offene Räume. Soziale Integration diesseits und jenseits des Nationalstaats

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2001 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1515); 319 S.; kart., 12,73 €; ISBN 3-518-29115-7
Wie ist soziale Integration in der Globalisierung möglich? Welche neuen Formen der grenzüberschreitenden Solidarität können sich jenseits des nationalen Wohlfahrtsstaats entwickeln? Diesen Fragen geht Münch, Professor für Soziologie an der Universität Bamberg, in der Aufsatz-Sammlung nach, wobei er "die aktuelle Relevanz der soziologischen Klassiker für die Interpretation und Erklärung der Prozesse transnationaler Vergesellschaftung" aufzeigen will (7). Die Thesen der Aufsätze werden in einem abschließenden Beitrag ("Soziale Integration in offenen Räumen") zusammengefasst. Die grenzüberschreitende Arbeitsteilung im Zuge der Globalisierung bewirkt eine Erosion der wohlfahrtsstaatlichen Integration (271-273). Dabei tritt an die Stelle der "mechanischen", auf Umverteilung beruhenden Solidarität innerhalb der Nationalstaaten eine "organische" Solidarität, die sich in grenzüberschreitenden individuellen Austauschbeziehungen entwickelt (274 f.). Dieser Prozess spiegelt sich auf verschiedenen Ebenen wider: Auf der individuellen Ebene bewirkt die Abschwächung der kollektiven Identität einen wachsenden "Spielraum für das Individualbewusstsein". Dadurch wird der Wert der Gleichheit nicht mehr als "Teilhabe am kollektiv erwirtschafteten Wohlstand", sondern als Leistungsgerechtigkeit und Chancengleichheit verstanden (281). Auf der kulturellen Ebene kommt es zu einer Verringerung der Unterschiede zwischen den Nationalstaaten, aber gleichzeitig zu einer Vervielfältigung der Lebensformen innerhalb der Staaten (275). Auf der politischen Ebene geht die von "tiefgreifenden Krisen" begleitete "nationale Desintegration" mit einer "transnationalen Integration" einher (285). Diese Integration wird einerseits durch die Herausbildung zahlreicher grenzüberschreitender Netzwerke gefördert (siehe 292); andererseits kommt sie in Europa in der Entwicklung der Europäischen Union zum Ausdruck. In der EU müsse jedoch angesichts der Pluralisierung der Interessen und Lebensformen der Anspruch aufgegeben werden, dass die Demokratie durch Repräsentation eine "stellvertretende Definition des Gemeinwohls" hervorbringe; vielmehr müsse Legitimität - ähnlich wie in den Vereinigten Staaten - "nicht durch Repräsentation, sondern durch die gegenseitige Kontrolle der politischen Instanzen, durch starke Gerichte, durch Dezentralisierung" u. s. w. erzeugt werden (278). Der Band ist vor allem wegen seines interdisziplinären, soziologische und politikwissenschaftliche Analysen verbindenden Ansatzes ein anregender Beitrag zur Globalisierungsdiskussion. Es bleibt aber offen, worin der Optimismus des Autors, dass es einen transnationalen Prozess der Integration gebe, gründet, weil die Voraussetzungen einer solchen Integration zu wenig behandelt werden. Dabei spielt die fehlende Unterscheidung zwischen Europäisierung und Globalisierung eine entscheidende Rolle: Viele der beschriebenen Integrationstendenzen sind spezifisch europäisch und lassen sich auf keine Weise auf globale Beziehungen zwischen Staaten übertragen.
Hendrik Hansen (HH)
Dr., Lehrbeauftragter, Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 5.424.432.33.12.2 Empfohlene Zitierweise: Hendrik Hansen, Rezension zu: Richard Münch: Offene Räume. Frankfurt a. M.: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13381-offene-raeume_16038, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 16038 Rezension drucken
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