/ 11.06.2013
Robert Kurz (Hrsg.)
Marx lesen. Die wichtigsten Texte von Karl Marx für das 21. Jahrhundert
Frankfurt a. M.: Eichborn 2001; 431 S.; Ln., 25,46 €; ISBN 3-8218-1644-9Bücher über Marx, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Vasallen über die Fehlinterpretation des Meisters durch seine real existierenden Exegeten klagen, gibt es inzwischen jede Menge. Aber kaum eines dürfte so radikal im Ansatz sein wie die Textsammlung des Publizisten Kurz, der schon mit dem "Schwarzbuch Kapitalismus" einen bemerkenswerten Erfolg hatte. Nachdem eine lange interpretatorische Einführung (13-48) die Fehler von Vergangenheit und Gegenwart aufgelistet hat, bieten ach...
Robert Kurz (Hrsg.)
Marx lesen. Die wichtigsten Texte von Karl Marx für das 21. Jahrhundert
Frankfurt a. M.: Eichborn 2001; 431 S.; Ln., 25,46 €; ISBN 3-8218-1644-9Bücher über Marx, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Vasallen über die Fehlinterpretation des Meisters durch seine real existierenden Exegeten klagen, gibt es inzwischen jede Menge. Aber kaum eines dürfte so radikal im Ansatz sein wie die Textsammlung des Publizisten Kurz, der schon mit dem "Schwarzbuch Kapitalismus" einen bemerkenswerten Erfolg hatte. Nachdem eine lange interpretatorische Einführung (13-48) die Fehler von Vergangenheit und Gegenwart aufgelistet hat, bieten acht Kapitel Lesefrüchte aus den bekannten und weniger bekannten Schriften von Marx. Als Leser hat Kurz keine akademischen Interessenten vor Augen, sondern kritische Zeitgenossen, die in Marx Lösungen für unsere Zeitprobleme vermuten. Daher gibt er zwar die Herkunft seiner Textstellen an, verzichtet aber auf genaue Nachweise etwa nach MEW oder MEGA. Jedes Kapitel beginnt mit einer Einleitung, die im Wesentlichen noch einmal den Schutt der bisherigen Fehlinterpretationen wegräumen will. Kurz unterscheidet einen "exoterischen" und einen "esoterischen" Marx. Ersterer ist die gängige, arbeiterkommunistische Interpretation der Sozialdemokratie, der kommunistischen Parteien und der Gewerkschaften, letzterer der wahre Marx. Ohne eine völlige Lösung von Staat und Recht, von Produktionslogik und Warencharakter der menschlichen Beziehungen könne man der kapitalistischen Falle nicht entkommen. Die "exoterische" Interpretation ist in Wahrheit in die Falle des Kapitalismus gegangen, den sie nur umgedreht, aber nicht überwunden hat. Sie ist nicht völlig falsch, denn es gibt durchaus einen "exoterischen" Marx, der die doppelt nachgeholte Modernisierung in Deutschland (gegenüber England) und durch die Arbeiterklasse verlangte. Aber die Fixierung auf die Arbeiterklasse, also eine durch den Kapitalismus definierte Klasse, sei ein Fehler gewesen. Erst die radikale und kritische Überwindung aller bürgerlicher Erwartungen, Normen und Beziehungen emanzipiere den Menschen; damals wie heute. Eine fertige Vision der Zukunft bietet Kurz nicht und verspottet solche Erwartungen als Residuum des bürgerlichen Horizonts und der Marktgesellschaft. Beide aber gilt es gerade zu überwinden. Stattdessen vertraut er auf die Kritikfähigkeit spontaner Individuen, egal aus welcher Klasse. Der Band ist durchgängig aggressiv und radikal formuliert (jedenfalls in den von Kurz stammenden Textteilen), die Polemik ist immer bissig und extrem, manchmal allerdings auch brillant formuliert. Soweit es möglich ist, unter der Wucht der Kritik und trotz der Warnung Kurz' einen positiven Begriff mit seinem Marxbild zu verbinden, scheint einiges dafür zu sprechen, dass wir es hier mit einer spontan-anarchistischen Vision zu tun haben. Sollten also Bakunin und ein richtig, also "esoterisch" gelesener Marx letztlich identisch sein? Das haben, so scheint es dem Rezensenten, weder Marx noch Bakunin verdient.
Inhalt: Zur Einführung: Die Schicksale des Marxismus - Marx lesen im 21. Jahrhundert; I. Sie wissen es nicht, aber sie tun es: Die kapitalistische Produktionsweise als irrationaler Selbstzweck; II. Das fremde Wesen und die Organe des Hirns: Kritik und Krise der Arbeitsgesellschaft; III. Die unwahre Erscheinung einer eingebildeten Souveränität: Kritik der Nation, des Staates, des Rechts, der Politik und der Demokratie; IV. Aus allen Poren blut- und schmutztriefend: Der häßliche Kapitalismus und seine Barbarei; V. Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst: Mechanik und historische Tendenz der Krisen; VI. Jagd über die ganze Erdkugel, die Konkurrenz rast: Globalisierung und Fusionitis des Kapitals; VII. Die Mutter aller verrückten Formen und die Brut von Börsenwölfen: Zinstragendes Kapital, spekulative Seifenblasen und die Krise des Geldes; VIII. Universelle Aneignung einer Totalität von Produktivkräften: Kriterien für die Überwindung des Kapitalismus.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.33
Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Robert Kurz (Hrsg.): Marx lesen. Frankfurt a. M.: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/13074-marx-lesen_15663, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 15663
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Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
CC-BY-NC-SA