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/ 12.06.2013
Ralf Dahrendorf

Liberal und unabhängig. Gerd Bucerius und seine Zeit

München: C. H. Beck 2000; 301 S.; Ln., 24,54 €; ISBN 3-406-46474-2
Gerd Bucerius gehört neben Rudolf Augstein, Axel Springer und Henri Nannen zweifellos zu den großen deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern der Nachkriegszeit. Schon kurz nach dem Krieg erhielt er die Lizenz zur Gründung einer Zeitung und machte daraus die wichtigste Wochenzeitung der Bundesrepublik. Dahrendorfs Biographie ist deshalb zweierlei: eine durch ausführliche Akten- und Korrespondenzeinsicht äußerst fundierte Schilderung des bewegten Lebens von Bucerius und - nahezu unvermeidlic...
Ralf Dahrendorf

Liberal und unabhängig. Gerd Bucerius und seine Zeit

München: C. H. Beck 2000; 301 S.; Ln., 24,54 €; ISBN 3-406-46474-2
Gerd Bucerius gehört neben Rudolf Augstein, Axel Springer und Henri Nannen zweifellos zu den großen deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern der Nachkriegszeit. Schon kurz nach dem Krieg erhielt er die Lizenz zur Gründung einer Zeitung und machte daraus die wichtigste Wochenzeitung der Bundesrepublik. Dahrendorfs Biographie ist deshalb zweierlei: eine durch ausführliche Akten- und Korrespondenzeinsicht äußerst fundierte Schilderung des bewegten Lebens von Bucerius und - nahezu unvermeidlich - gleichzeitig auch ein Blick auf die Entwicklung der "Zeit". Da Bucerius die politischen Ereignisse beständig publizistisch begleitete, spiegelt sich in dem eindrucksvollen Buch des Sozialwissenschaftlers, Politikers und zeitkritischen Intellektuellen Lord Dahrendorf auch die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Bucerius erlebte von der Weimarer Republik über die Zerstörung der bürgerlichen Freiheiten durch die Nazis und den Ungeist des Dritten Reichs, den politischen Neubeginn nach 1945 bis hin zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten alle großen Umwälzungen. In der aktiven Politik war er als Mitglied der CDU-Fraktion von 1949 bis 1962 Bundestagsabgeordneter und entwickelte sich in dieser Zeit vom Bewunderer zum Kritiker Adenauers. Gravierende Meinungsverschiedenheiten und die Besorgnis um seine verlegerische Unabhängigkeit führten daraufhin zwar zum Austritt aus der CDU. Er blieb jedoch Zeit seines Lebens ein eher konservativer Liberaler. Dahrendorf gelingt es teilweise sehr anschaulich, den wohl wichtigsten Zug des Verlegers Bucerius herauszustreichen: seine Meinungsfreude gepaart mit der Fähigkeit, andere Meinungen auch und gerade in seinem eigenen Blatt zuzulassen, wenn sie denn gut begründet waren. Auf diese Weise schaffte Bucerius es, "Die Zeit" zu einer Instanz des unabhängig-kritischen Journalismus zu machen, die bis heute einen wichtigen Platz in der deutschen Medienlandschaft hat. Gründerpersönlichkeiten wie Bucerius - der zeitweise auch den Stern verlegte - haben auf diese Weise nicht nur die bundesdeutschen Medien geprägt, sondern auch die bundesdeutsche Demokratie. Dahrendorf schildert Bucerius' Leben mit kritischer, aber sehr wohlwollender Distanz. Der Gründungsverleger der "Zeit" hätte sich keinen besseren Biographen wünschen können.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.32.333 Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Ralf Dahrendorf: Liberal und unabhängig. München: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14086-liberal-und-unabhaengig_16875, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 16875 Rezension drucken
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